Ex pluribus unum … Versuch einer Kategorisierung der schwulen Welt

Mit einigem Augenzwinkern hier eine kleine Auswahl aus der schwulen Welt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, dafür allerdings unter dem Motto: „Was es so alles gibt“. Am Ende bleibt nur die Erkenntnis: Wir sind in unserer homosexuellen Untermenge genauso vielfältig wie die Gesamtmenge, zuweilen als Welt bezeichnet, auch 🙂

Der Fitnessbolzen

Er hat ausschließlich ein Hobby: Sport! Seine Muskeln sprengen T-Shirts und zwischen linker und rechter Arschbacke kann er Walnüsse knacken. Leider braucht er auch Krankengymnastik, weil die muskulösen Beine so aneinader reiben, dass ein normaler Gang unmöglich wird. Zuweilen werden auch seine Hirnzellen in Muskelmasse umgewandelt.

Die Kulturhusche

Ist hauptsächlich damit beschäftigt, ob das hohe F wirklich von Cheryl Studer gesungen wurde, oder ob Elisabeth Schwarzkopf danebenstand und nur diesen einen Ton gesungen hat. Wir reden von der Zauberflöte in der Einspielung von Sir Neville Marriner. Ist gerne auch in Bayreuth zu treffen und hat sämtliche Werke von Johann Sebastian Bach im Regal stehen. Selbiges kracht unter den angehäuften Kompendien nahezu zusammen und keine Kunstaustellung ist vor ihm sicher.

Der Dauergenervte

Niemand kann es ihm recht machen. Morgens nervt ihn der Wecker, dann die viel zu langsame Kaffeemaschine. Die Bahn kommt immer zu spät, die Stimme der Arbeitskollegin ist zu schrill und das Essen in der Kantine grundsätzlich zu kalt. Er ist angepisst, wenn man ihm sagt, dass man ihn hübsch findet und regt sich auf, wenn man ihn nicht anguckt. Ist interessanterweise aber selten suizidgefährdet.

Der Wunderhübsche

Man notiere: Er ist immer solo. Denn es gibt keinen, der es verdient hätte, eine solche Schönheit sein Eigen zu nennen. Kein Spiegel ist vor ihm sicher. Die Frisur sitzt, die Hautpigmentierung ist perfekt, kein Pickel hat sich jemals in sein Gesicht verirrt. Er überstrahlt jede Party mit seiner umwerfenden Schönheit. Selbst die Sonne verzieht sich hinter den Wolken, weil sie sich schämt denn sie kann gegen diese Ästhetik nicht anstrahlen …

Der Lederkerl

Innerlich butterweich, äußerlich stahlhart. An seine Haut kommt noch nicht mal Seife, ausschließlich die Haut toter Tiere. Ob Chaps, ob Cap, ob Jacke, ob Hose am besten in schwarz. Doch wer glaubt, er fesselte gerne andere Leute, fehlt weit: Ist das Leder erst mal ausgezogen, ist er ganz lieb und brav im Bett.

Die Fetischschwester

Sein liebstes Spielzeug wurde ihm im Gegensatz zu allen anderen Männern nicht von der Natur zwischen die Beine gehängt. Er muss es teuer käuflich erwerben. Kein Toy, das er nicht schon einmal in der Hand oder in diversen Körperöffnungen gehabt hat. Wahlweise in der Ausführung Leder, Gummi, mit und ohne Natursekt und zuweilen auch in Ketten im Büro aber korrekt mit Anzug und Krawatte.

Die Junghusche

Hat gerade seine Homosexualität entdeckt und weiß noch nicht ganz genau, was man mit dem Ding zwischen den Beinen so alles anfangen kann. Ist aber gerne bereit, das herauszufinden. Gibt’s in den beiden Versionen: „Nein, ich will nur mit dem Richtigen und Ewigen und sonst mit keinem anderen “ und „Ich nehm‘ was kommt, probiere alles aus, bis der Richtige kommt.“ Wird gerne auch mal das Opfer von älteren Herren, um noch was zu lernen oder verknallt sich nach zehn Minuten in den hübschen Jungen am Nachbartisch und heult dann seinem lieben älteren Kumpel vier Wochen lang die Ohren voll, weil es dann doch nicht geklappt hat …

Der Daddy

Sein Beuteschema hat gerade mal Schambehaarung. Sieht man ihn mit seiner neuesten Eroberung, so weiß man nicht, ob da Pappa und Sohn durch die Stadt laufen, ober was das denn nun ist. Würde gerne mit seinem Freund mal über die Dinge reden, die ihn selbst interessieren, muss dann aber immer wieder feststellen, dass da wohl 20 Lebensjahre fehlen. Hofft, dass ihm irgendwann einmal ein junger knackiger Freund die dritten Zähne reinigt, wenn er selbst sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen kann. Junge Männer über 20 sind für ihn eher von weniger Interesse.

Ganz normale Leute

Soll es auch geben …

Das Tanzhäschen

Schwingt seine Hüften auf absolut jedes Lied, egal wie schlecht es auch sein mag. Reibt die selbe auch gerne an allen, die gerade um ihn herum stehen. Bühnen, Podeste und im Notfall auch Tresen sind seine Welt. Zu fortgeschrittener Stunde fallen dann auch mal Hemden und Hosen und die Hüfte kreist weiter im Tanga Ist die Party vorbei stellt er häufiger fest, dass alle, mit denen man sich so hätte unterhalten können, die Disko schon längst verlassen haben und tänzelt naturbetrunken nach hause.

Der Fußballfan

Bemüht sich pausenlos, mit seiner Umgebung über die neuesten Transfers und Spielergebnisse zu diskutieren und kann es einfach nicht verstehen, dass er immer in verständnislose Gesichter blickt. Trägt gerne auch ein Trikot in der Schwulenkneipe beeindruckt dort allerdings durch seine absolute Trinkfestigkeit. Kann zu wenigen Geburtstagseinladungen direkt zusagen, da er erst abwarten muss, bis die Spiele seines Vereins fix terminiert sind.

Der Intellektuello

Hebt sich von der breiten Masse dadurch ab, dass er nicht nur Shakespeare in deutsch und englisch zitieren kann, er glaubt auch von sich, Habermas verstanden zu haben. Kann nicht einschlafen, ohne vorher 100 Seiten Kant gelesen zu haben. Im Gespräch etwas anstrengend, da keiner seiner Sätze ohne fünf Nebensätze auskommt.

Der Ewigchatter

Wieso soll er in die raue Wirklichkeit hinausgehen, wenn es doch die große weite Welt des Internets gibt. Zur Bedürfnisbefriedigung hat er auch schon längst gelernt, wie man perfekt mit einer Hand tippt. Kennt seine Freunde ausschließlich mit Chat-Namen. Herausstechendes Merkmal: Sollte man ihn mal in freier Wildbahn antreffen erkennt man ihn an raufaserweißer Haut.

Das Laufstegmodel

Seine Kleidung trägt er niemals häufiger als zwei Mal: Einmal beim Anprobieren und einmal um sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Hat das Talent, sich immer so hinzustellen, dass auch alle ihn sehen können. Festen Schrittes und geraden Blicks stolziert er durch die Disko, bis auch alle ihn bewundert haben. Muss sich leider mit dem Reste-Fi…n ab halb vier zufriedengeben, da er vorher absolut keine Zeit hat, sich auf die Aufmerksamkeit eines einzigen Mannes zu beschränken.

Der Partyboy

Kennt jede Disko, jede Party und jeden CSD in ganz Europa! Macht gerne auch auf dem Weg zur einen Party noch Station auf einer anderen. Keine Zugverbindung, keine Autobahn, die ihm unbekannt wäre. Sollte es an einem Tag drei verschiedene Megaparties in einer Stadt geben kein Problem: Sein Zeitmanagement ist so perfekt, dass er sicherlich auf allen vorbeischauen kann. Der Geldbeutel ist zwar chronisch leer, aber was macht das schon, wenn man feiern kann? Life’s a party!

Der Magersüchtige

Bei 1,80 m Körpergröße und 56 Kilo sind definitiv fünf Kilo zuviel auf den Rippen! Sein Fitnessstudio-Abo wird nur zum Strampeln verwendet. Muskelmasse würde sich auf der Waage gar nicht gut machen. Trinkt Wasser, raucht Kette, damit er ja auch keinen Appetit bekommt. Sollte er doch mal ein Sandwich gegessen haben, ist’s keine fünf Minuten später auf dem Weg zur Kläranlage. Sein größter Horror: von einem netten Mann eingeladen zu werden, der leidenschaftlich gerne kocht …

Die Bewegungsschwester

Für ihn ist nichts erreicht, bevor Schwule und Lesben nicht in allen Punkten gleichberechtigt sind. Liest jeden Artikel, der sich mit dem Thema beschäftigt, steht an Infoständen, läuft auf Paraden mit, lehnt den modernen CSD aber als Party ab und fordert mehr Politik. Ist meist Mitglied in mehreren Schwulenvereinen und -verbänden und natürlich auch in einer Partei seiner Wahl. Würde auch gerne in mehreren Parteien mitarbeiten, wenn das ginge. Wenn er’s nicht von Haus aus ist, bildet er sich nebenberuflich zum Familienjuristen aus, um auf dem Laufenden zu sein. Spaß gefährdet die Ernsthaftigkeit seines Anliegens, Freizeit jenseits der Bewegung kennt er nicht.

Der Vollzeitschwule

Hat den letzten heterosexuellen Menschen während seiner Schulzeit gesehen. Für ihn muss alles schwul sein: die Deko, das Auto, der Sportverein, die Literatur, die Musik und natürlich der Freundeskreis. Bringt selbst eine Diskussion über die Sportschau noch auf den schwulen Punkt. Seine Handtücher sind alle regenbogenfarben dass an seinem Fenster eine Regenbogenflagge hängt, brauchen wir nicht zu erwähnen. Sollte er mit dem Gedanken spielen, in eine WG zu ziehen, dann selbstverständlich nur, wenn vorher hundertprozentig geklärt ist, dass auch ja keine Heterosexuellen dort wohnen oder jemals einziehen dürfen!

Die Klemmschwester

Sie ist eigentlich gar nicht schwul. Bloß nicht. Keiner weiß um ihre Neigung: weder Eltern noch Geschwister, keine Freunde und schon gar nicht die Kollegen. Achtet peinlich darauf, dass jedes Wort, jede Artikulation, jede Geste, jede Mimik, ja selbst Hobbies und Beruf hundertprozentig hetero rüberkommen. Übt das notfalls auch vor’m Spiegel. Nimmt zuweilen seine Sprache auf und hört sich an, was er noch verbessern kann. Geht mit Sonnenbrille und Baseballkappe in schwule Saunas oder in Cruising-Areas, damit ihn ja niemand erkennt. Szenekneipen: Fehlanzeige. Zeigt im Chat allerhöchstens seine Brustwarze es könnte ihn ja jemand kennen. Bei der Betriebsfeier hat er immer eine „Freundin“ dabei, mit der er allerdings niemals geschlafen hat. Wenn CSD in seiner Stadt ist, fährt er in Urlaub, damit ihn auch ja niemand mit „sowas“ in Verbindung bringen kann.

Der beste Freund

Ist immer da, wenn man ihn braucht, hört sich alle Liebesdramen anderer Leute an, gibt Ratschläge, tröstet und bleibt notfalls auch mal über Nacht allerdings nur auf der Couch. Würde sich niemals trauen, denjenigen, die ihm ihr Herz ausschütten, zu gestehen, dass er selbst in sie verliebt ist. Ist die Perle unter den Schwulen, ohne das selbst zu merken oder für sich in Anspruch zu nehmen. Leider ist er so mit dem Wohl anderer beschäftigt, dass sein eigenes Bett nur von ihm selbst gewärmt wird.

Und dann natürlich die allgemein bekannte Paradeschwuppe

Für dieses Exemplar wurde extra die Erdbeschleunigung auf 5 Meter pro Quadratsekunde herabgesetzt. Das macht das Schweben leichter! Sie ist derart modisch, dass sogar die Leibschneider der Queen vor Neid erblassen doch würden letztere versuchen, die Paradeschwuppenmode für das Königshaus zu übernehmen, würde Ihre Majestät unter der Last der unzähligen Federboas zusammenbrechen.

Anmerkung 1: Die Lesben- und Transgenderwelt habe ich aus Wissensmangel meinerseits hier ausgelassen. Vielleicht findet sich ja eine nette Dame, die eine ähnliche Kategorisierung in Angriff nimmt.

Anmerkung 2: Alles, was da oben steht ist natürlich nicht ganz ernst gemeint, hat aber (hoffentlich) einen wahren Kern. Am Ende steckt wohl in uns allen ein bisschen von mehreren Kategorien. Und das genau macht unsere Vielfalt aus. Nicht nur die Vereinigten Staaten von Amerika sind es die ganze Menscheit ist es: ex pluribus unum!

Anmerkung 3: Eine etwas ausführlichere Sichtweise (mit etwas weniger Augenzwinkern) auf die Vielfalt von Mensch, Schwuppe, Hetero, Tunte oder Normalo findet sich im ersten Kommentar.

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1 Antwort zu Ex pluribus unum … Versuch einer Kategorisierung der schwulen Welt

1 Kommentar
  1. mark 19. Aug 2009 13:21

    (Präambel: Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine persönliche Meinungsäußerung, die auf keinerlei wissenschaftlicher Forschung sondern auf Lebenserfahrung basiert. Auch ist sie deutlich schwulenlastig, da der Autor nicht für sich in Anspruch nehmen kann, die Lesben- oder Transgenderwelt gut zu kennen. Also verzeiht mir, wenn ich zuweilen auch nicht ganz geschlechtsneutral geschrieben habe …)

    Von Fummelkerlen und Ledertrienen … über die Vielfalt der Welt

    Wenn ich nach einiger Zeit offen schwulen Lebens in einer bekannten Fankurve eines nicht weniger bekannten deutschen Fußballvereins zurückdenke an Sätze, die ich von meinen nicht nur heterosexuellen sondern auch mehrheitsnormenkonformen Mit-Fans so zu hören bekommen habe, dann fällt mir insbesondere eine Formulierung ein, die heraussticht:

    "Nein, Du bist ja auch eigentlich völlig normal."

    Konkret findet sich dieser Satz häufig in der Gesellschaft von Äußerungen wie:

    "Ich hab‘ ja nichts gegen Schwule, aber dieses ganze Gehabe kann ich einfach nicht leiden."

    Ich frage mich dann immer, ob ich lachen und mich freuen oder weinen und mich ärgern soll. Ist es nicht toll, dass ich als offener, aber vielleicht nicht unbedingt offensichtlich schwuler Fan meines Clubs von fast 14.000 weiteren Fans in meiner Kurve voll akzeptiert werde oder ist es nicht vielmehr eine Schande, dass offenkundig eben genau die Tatsache, dass man es mir nicht direkt ansieht, der Grund für diese Akzeptanz ist?

    Was auffällt

    In Zeiten, da T-Shirts, die mit glitzernden Strass-Steinen besetzt sind, ebenso zur heterosexuellen Normenkonformität gehören wie ebensolche Baseball-Caps, sollte – so mag man meinen – das äußere Erscheinungsbild doch absolut keine Rolle mehr spielen, wenn es um die Bewertung des Gegenübers geht. Nun … man hat weit gefehlt, wenn man sich diesen Glauben zueigen macht.

    Womit wir zunächst bei einem Punkt angekommen wären, der nach klaren Definitionen schreit:

    - Identität und Sein
    - Habitus (also das Verhalten im Allgemeinen)
    - Darstellung (im konkreten Fall also das glitzernde T-Shirt)

    Denken wir uns einen Moment in eine heteronormative Kleinfamilie ein, die sich zum ersten Mal mit einem schwulen Nachbarsjungen konfrontiert sieht, der nicht nur den einen oder anderen (aber selten zweimal den gleichen) Kerl auf der Straße küsst, sondern darüber hinaus auch noch einerseits seine Hand nicht in eine gerade Linie mit dem Unterarm arrangieren kann und andererseits regelmäßig in federbesetzter Bluse und Männerrock daherkommt.

    Nun, was ist es nun, das diese Kleinfamilie an jenem Jungen stören könnte? Und was davon ist nachvollzieh- bzw. akzeptierbar, was als Diskrimierung zu verurteilen?

    Es sollte nicht verwundern, dass ein Autor in diesem Blog selbstverständlich davon ausgeht, dass die sexuelle Orientierung des jungen Mannes sicherlich völlig in Ordnung ist und einfach nur unter der Kategorie: "So ist er eben" abzuheften wäre. (Womit wir die Sache mit der "Identität" abgehakt hätten.)

    Kommen wir zum Thema "Habitus" im Allgemeinen. Da wäre zunächst einmal die Sache mit den ständig wechselnden Knutschpartnern. Hier kommen tief in uns hineinsozialisierte Einstellungen zum Tragen. Da unser (letztlich auch durch Art. 6, Abs. 1 GG, besonderer Schutz der Ehe, zementiertes) Normbild von einer glücklichen Gesellschaft die treue und langfristige Verbindung zweier Menschen zur Leitvorstellung stilisiert, erscheint natürlich ein offenes Zurschaustellen der eingenen Promiskuität wie eine Provokation. Doch wieso eigentlich?

    Rein gesellschaftshistorisch mögen sich zwei hauptsächliche Gründe aufdrängen: Einerseits bietet die langfristige und verantwortungsvolle Bindung einen Schutz für die (früher meist grundsätzlich erwerbslose) Frau und für noch zu zeugende Kinder. Andererseits ist sie ein vordergründig einleuchtender wirkungsvoller Schutz der eigenen Erregerkulturen … will sagen: sie schützt vor Krankheiten (besonders sind hier natürlich Geschlechtskrankheiten gemeint, aber die sind es nicht ausschließlich).

    Rein psychologisch ließe sich allerdings noch ein Grund finden, ohne denselben zu sehr an den Haaren herbeiziehen zu müssen: schlichter und einfacher … und in seiner so oft geübten Form häufig auch ehrlicher … Neid! Wenige Emotionen sind derartig stark, wenn es darum geht, dass jemand anderes etwas hat, tut oder bekommt, das man selbst nicht nur nicht hat sondern auch in der Vergangenheit vermissen musste.

    Interessant in diesem Zusammenhang ist darüber hinaus die Konotation, die die Gesellschaft gerne denjenigen angedeihen lässt, die eben nicht ihre Frau oder ihren Mann mit 16 Jahren in der Tanzschule kennengelernt und seitdem mit keiner oder keinem anderen geschlafen haben:

    • heterosexuelle wie lesbische Frauen sind "Schlampen"
    • homosexuelle Männer sind potentielle Verbreiter von AIDS
    • und heterosexuelle Männer sind auch dann noch tolle Hechte, wenn sie ihre Promiskuität ausleben, obwohl sie schon längst den Eid auf den Bund für’s Leben geschworen haben.

    Belassen wir es dabei und kommen zu einem zweiten Teil des Habitus: zur Gestik. Lassen wir unseren fiktiven Nachbarsjungen zur Illustration einfach einmal die hohe Schule von Tee- und Kaffeekännchen, Diadem- sowie Colliergriff beherrschen. Konkret zeigt er damit kein Verhalten, das der menschlichen Rasse inherent fremd wäre (erinnern wir uns an die unsterbliche Joan Collins in der Rolle der Alexis …), vielmehr demonstriert er eine Verhaltensweise, die im gesellschaftskategorisierenden Kontext mit dem anderen Geschlecht konotiert wird. Es stößt also ab (oder es wird darüber getuschelt), dass er – als Mann – sich verhält wie man das eigentlich von einer Frau erwarten würde.

    Kommen wir zum letzten Punkt der Liste: die Darstellung: Allen Entwicklungen des modernen Mannes hin zur Metrosexualität (Hallo David!) zum Trotz will unser Nachbarsjunge das Ganze noch toppen und kleidet sich nicht einfach in Frauenkleider (das wäre eine andere Form von Genderfrage, die in diesem Artikel nicht beschrieben werden soll), nein er benutzt modische Accessoires, die verspielt-bunte zum Teil kindisch zum Teil weiblich anmutende Züge tragen. Stellt sich die Frage: Will er provozieren, will er auffallen oder gefällt es ihm einfach? Die heteronormativkonformen Nachbarn jedenfalls werden sich wahrscheinlich provoziert fühlen.

    Nehmen wir nun statt unseres flamboyanten Nachbarsjungen einen, der zwar auch schwul, sonst aber völlig mehrheitsnormenkonform ist. Lassen wir ihn Fußball spielen, KSC-Fan und seit drei Jahren mit seinem Freund zusammen sein. Außerdem soll er hauptsächlich Jeans und T-Shirt tragen. Werden sich hier die Nachbarn auch irritiert fühlen? Nun, wenn er seinen Freund nur in seinem Zimmer küsst, werden sie noch nicht einmal merken, dass der junge Mann nicht der Norm entspricht. (Sehen wir mal davon ab, dass keiner versteht, warum er dem KSC anhängt 😉 ) Doch dann, wenn sie es herausfinden … tja, den Satz: "Aber Du bist doch Fußballfan" wird er sich wohl mindestens anhören müssen.

    Nicht nur bei Biedermann

    Verlassen wir nun die Kleinstadtidylle mit Einfamilienhäusern, Kombis und Kinderschaukeln in kirschlorbeerbegrenzten Vorgärten und wenden uns der schwul-lesbischen Szene zu. Faszinierenderweise finden wir hier ein ähnliches Konformitätsdenken wie dort. Bietet die Szene zwar eine gewisse Sicherheit, was das Ausleben eigener Vorlieben angeht, so ist sie vor Befindlichkeiten nicht gefeit. Denn auch die Schwulen und Lesben unserer Tage müssen sich mit den verschiedensten Lebens- und Ausdrucksformen des Lebens auseinandersetzen. Da sind die bereits zur Genüge beschriebenen flamboyanten Mitglieder unserer Spezies, da sind aber ebenso die Lederkerle und die Yuppies. Da sind (wie es so schön heißt) "Leute wie Du und ich", da sind 20-jährige Knaben, die mit ihrem 50-jährigen Freund glücklich sind, da finden sich Anabolikawunder ebenso wie die immer wieder bewunderten Hungertücher. Wer einmal in einer einschlägigen Disco von einem Lederkerl in Chaps und mit Ledermütze in fistelhoher Stimme angesprochen wurde und sich danach eine Stunde lang über die Interpretation der Königin der Nacht durch Frau Schwarzkopf unterhalten hat, wer im Fußballstadion über Hegel diskutiert hat, der wird mir zustimmen, dass die Vielfalt das Gewürz des Lebens ist.

    Ja, auch der Lederkerl fällt auf. Es ist allerdings in der heterosexuellen Welt selten gängig, ihn als schwul zu identifizieren. Und wie ist es mit den "ganz normalen" Typen von Nebenan? Man sieht es ihnen nicht an, sie provozieren nicht und wenn man nicht gerade das Glück hat, sie Händchen haltend anzutreffen, käme man noch nicht mal auf die Idee, dass da irgendwas nicht so "normal" (nennen wir es lieber "merhrheitsnormenkonform") ist.

    Wer Öffentlichkeit will …

    Nun mag es viele Schwule und Lesben geben, die sich wünschen würden, dass Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit als etwas "Normales" wahrgenommen würden. Nehmen wir das Beispiel CSD-Berichterstattung: Wie oft wünscht man sich, auf den Bilderserien der deutschen Presse sähe man weniger Pailletten, weniger Federboas, weniger Lack, Gummi und Leder und dafür ein paar mehr händchenhaltende Hauptschullehrer oder sich küssende Jungs im Fußballtrikot.

    Doch Presse funktioniert so nicht. Kämen nächstes Jahr auf den CSD nach Köln ausschließlich Leute, die niemandem auffielen, so wäre in den folgenden Tagen in wahrscheinlich keiner bekannten Zeitung oder Website darüber zu lesen. Auffälliges Outfit provoziert also nicht nur, es bietet auch Öffentlichkeit. Würde heute jemand Rosa von Praunheim kennen, wenn er in T-Shirt und Cordhose dahergekommen wäre? Ja mehr noch: Würden wir heute in unserer gesellschaftlichen Anerkennung wirklich schon so weit sein, wie wir sind, wenn nicht Menschen bereit gewesen wären, sich dem Spott auszusetzen, der mittlerweile zum Teil in Begeisterung umgeschlagen ist? Wären alle Schwulen und Lesben mehrheitsnormenkonform, wäre es überhaupt einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass es so viele gibt?

    Das ernsthafte Auseinandersetzen mit unseren Bedürfnissen und Rechten hat am Ende die aktuellen fortschrittlichen Bewegungen in der Rechts- und Legimitätsauffassung bewirkt, aber vor den Ernst hatten die Götter in diesem Fall den Spaß gesetzt. Sicherlich noch nicht in der Christopher Street. Sicherlich auch nicht in vielen kleinen Arbeitskreisen, in vielen Gerichtsverfahren etc., die sich in der Vergangenheit mit unserer Anerkennung auseinandergesetzt haben. Aber doch sicherlich in der öffentlichen Warhnehmumg, die von Irritation, Ablehnung und Hass über die Zwischenstufe der Erkenntnis ("Die sind zwar komisch, tun mir aber nichts") langsam auf dem Weg zu freudvollem, freundlichem und gemeinsamen Feiern ist.

    Nun, hier drängt sich nun fast der Eindruck auf, dass bewusst und mit langfristig kalkuliertem Anspruch provoziert wurde. Natürlich war und ist das nicht immer so. Einige sind einfach gerne schrill, bunt und laut. Doch gerade in diesem Punkt sei ein Einwurf gestattet: Wer sich über die Lautstärke der bunten Herden aufregt, der mag einfach einmal am Wochenende in bester Ausflugswanderermanier in einer S-Bahn den älteren Damen lauschen, die sich da lautstark nicht nur über ihre Kochrezepte, sondern gleich noch über ihre fragwürdigen Geographiekenntnisse auslassen. Schön ist das nicht … ich spreche aus Erfahrung. Die Zielansage jedenfalls haben sie souverän übertönt. Vergleichbare Szenen mit Fußballfans auf dem Heimweg vom Stadion oder randalierenden alkoholisierten Jugendlichen nach dem Diskobesuch sind naheliegend und sollen daher hier nicht ausgeführt werden.

    Von der Entwicklung der Gesellschaft ins Heute

    Womit wir wieder bei der Frage wären, inwiefern bestimmte Verhaltensweisen störend und somit abzulehnen sind. Über Jahrhunderte hinweg waren wir angehalten und dazu erzogen, uns so zu verhalten, wie es einem komplexen Kodex entsprach. Doch heutzutage sollte eigentlich die Menschheit etwas weiter sein: Das eigene Handeln sollte in dem Moment hinterfragt werden, wo es die Freiheit und das Recht des Anderen einschränkt.

    Nehmen wir ein Beispiel: Zwei Paradeschwuppen stolzieren durch Karlsruhe. Wem schaden sie? Wessen Freiheit schränken sie ein? Hingegen steht mal wieder ein fetter alter Besserwisser an der Straßenbahnhaltestelle direkt vor der Tür und verhindert so den reibungslosen Fahrgastwechsel (erlebe ich so ähnlich mindestens jeden zweiten Tag). Da habe ich die beiden Schwuppen ehrlich gesagt lieber. Wenn’s mir nicht gefällt, kann ich weggucken. An dem Fettsack musste ich mich letztens erst mühsam vorbeidrängen. Man soll ja nicht glauben, dass er den Anstand besessen hätte, einen Schritt zurückzugehen. Interessanterweise ist der eine gesellschaftlich absolut akzeptiert, während die beiden anderen nach wie vor mit Vorurteilen zu kämpfen haben: aus der allgemeinen Gesellschaft ebenso wie aus der eigenen Szene!

    Nun, was uns nicht schon alles verboten wurde … und ich rede nicht vom Mittelalter … noch nicht lange her, da war es verboten oder zumindest verpönt, als Mann lange Haare zu tragen. Auch der öffentliche Kuss (unter sonst hoch anständigen heterosexuellen Menschen) ist erst seit einigen Jahrzehnten aus der Schmuddelecke befreit worden. Die Beherbergung nicht verheirateter Paare stand in Deutschland noch bis zum Jahr 1969 (DDR bis 1968) durch den sogenannten Kuppeleiparagraphen unter Strafe. Wenn es also um die Reglementierung der Verhaltensweisen unserer Mitbürger geht, haben wir nicht nur eine lange und ausführliche Tradition sowohl in der allgemeinen Gesellschaft als auch in der Jurisdiktion, wir haben diese Traditionen auch bis in unsere jüngste Vergangenheit bewahrt.

    Nun sei eines fairerweise auch noch angemerkt: Einige Verhaltensweisen sind durchaus auch deswegen gesellschaftlich geächtet (oder waren es), weil sie (zu Recht oder zu Unrecht) sowohl das Empfinden der Einzelnen als auch die gesellschaftliche Struktur insgesamt negativ beeinflussen. Nehmen wir die Bekundung gegenseitiger Zuneigung in der Öffentlichkeit: Zunächst einmal mag es verwundern, wenn man Vorbehalte gegenüber einer derartigen Handlung haben sollte. Allerdings kann man sich durchaus vorstellen, dass Personen, die sich (zur Zeit oder dauerhaft) im Status des Singledaseins befinden, dadurch gestört fühlen: nicht, weil sie die Zärtlichkeiten ablehnen oder sie "anstößig" finden, sondern schlicht, weil sie selbst gerade alleine sind. Auch soll es ja Menschen geben, denen das traute Glück zu zweit dauerhaft verwehrt bleibt. Einerseits kann man hier das Argument des Neides einführen und antworten: "Die sollen sich nicht so haben". Auf der anderen Seite kann man mit dem Argument der Rücksicht argumentieren und sich fragen, ob die öffentliche Zurschaustellung der eigenen Zuneigung tatsächlich nötig und das psychische Herunterziehen der Umgebung wert ist. Ich sage nicht, dass dies ein Grund ist, auf Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit zu verzichten. Es sei lediglich darauf hingewiesen, dass diese Argumentation durchaus stichhaltig ist jenseits von abstrakten, ja vielleicht unsinnigen Moralvorstellungen und Begriffen wie "unanständig" oder gar "ekelhaft".

    Auch besondere Formen der Darstellung des eigenen Ichs oder auch damit verbunden der eigenen Überzeugungen oder Meinungen galten zuweilen als Bedrohung für die Gesellschaft. So mag man vor Zeiten zum Beispiel lange Haare bei Männern mit gewissen anarchistischen Gedanken gleichgesetzt und damit als ein Symbol dafür interpretiert haben, dass der Staatsaufbau, wie wir ihn kennen, gestürzt werden sollte. Nun, einerseits hat die Geschichte gezeigt, dass insbesondere in den 68er Zeiten derartige Haartracht zwar als Aufbegehren gegen die verkrusteten Strukturen der frühen aber dennoch überaus konservativ geführten Republik zur Schau gestellt wurden, dies aber durchaus von Menschen, die Ideale bezüglich der Verbesserung dieser Republik hatten … und deren Ideale in den folgenden Jahren durchaus auch von Menschen mit Kurzhaarschnitt in Anzug und Krawatte nicht nur geteilt sondern auch umgesetzt wurden. Zum anderen sei die Frage erlaubt, wie sich bitte ein Land, dass jahrelang das Tragen von Kurzhaarschnitt und brauner Uniform toleriert hat, ein Recht darauf hat, die eventuelle Zurschaustellung anderer politischer Überzeugungen in irgendeiner Weise schlecht zu heißen. Die kahlrasierte Dummheit streckt heute noch ihre Hand ge’n Himmel. Gerade wir sollten uns über möglichst viel Vielfalt im Aussehen unserer Mitmenschen freuen und damit auch darüber, das derartiges nicht wieder zur Norm wird!

    So kann die freie Entfaltung der Persönlichkeit also einerseits als positive Errungenschaft der Neuzeit interpretiert werden. Sie birgt allerdings auch in sich Probleme, die vielleicht nicht direkt ins Auge stechen, aber durchaus der Diskussion wert sind.

    Um damit umgehen zu können muss sich die Gesellschaft als Ganzes entwickeln: hin zu Individuen, die mit großem eigenen Selbstbewusstsein ohne Vernachlässigung des sozialen Umfeldes den respekt- und rücksichtsvollen Umgang miteinander üben, weil sie daran glauben, dass eben dieser zu einem glücklicheren Miteinander führt und nicht, weil sie einfach wie eine blinde Herde irgendwelchen gesellschaftlichen Kodizes folgen.

    Warum?

    Zuletzt sei die gefährlichste aller Fragen gesetellt: Warum? … und zwar in beide Richtungen:

    • Warum lehnt man Menschen ab, die offensichtlich anders sind, sich anders verhalten oder sich anders darstellen als die Mehrheit?
    • Warum will man sich nicht an bisherige gesellschaftliche Konventionen halten und sich folglich zum Beispiel schrill, bunt, in Lack und Leder oder sonstwie "provozierend" darstellen?

    Zu ersterem: Es scheint ein urmenschliches Verhalten zu sein, alles, was nicht dem eigenen Erfahrungshorizont entspricht, erst einmal abzulehnen. Vielleicht stammt dies noch aus Zeiten, in denen man den eigenen Stamm bewahren wollte … der Mensch ist ein Rudeltier. Was nicht so war wie man selbst war eine Bedrohung für die eigene Sippe und musste dementsprechend bekämpft werden. Doch sollten tausende von Jahren Kulturevolution langsam dafür gesorgt haben, dass wir zumindest einen Teil unserer Instinkte durch rationale Überlegungen ablösen konnten. Ob das ein Fortschritt ist? Diese Frage ist wohl nur für Menschen interessant, die sich das Faustrecht zurückwünschen. Eines aber dürfte zwar klar aber leider nicht für alle offensichtlich sein: Unreflektierte Ablehnung dokumentiert nur eines: Die eigene Angst!

    Zu letzterem: Das menschliche "Sein" sollte unantastbar sein, seine Würde und seine Freiheit. Wenn es aber um Handlungen und Darstellungen geht, so ist es vielleicht zuweilen besser, Kompromisse zu machen, sei dies aus Rücksicht auf das Empfinden anderer, sei das aus einem Bedürfnis heraus, sich selbst zu schützen. Allerdings soll und wird sich unsere Gesellschaft auch hier in kleineren Schritten weiterentwickeln. Und etwas mehr Farbe tut ihr bestimmt gut! Provokation ist wichtig. Sie hilft uns, zwischen überkommenen Moralvorstellungen und wahren gesellschaftlichen Umgangsformen zu unterscheiden.

    Bei aller Vielfalt und Farbenfröhlichkeit sei gewünscht, dass immer die Rücksicht auf und der Respekt vor dem Anderen eine Rolle spielt, wenn es darum geht, wie weit man seine Provokationen treibt. Und dass sich die Freiheit des einen mit der Freiheit des anderen die Waage halten muss, braucht hier hoffentlich nicht mehr erwähnt zu werden. Wer damit Probleme hat, der lese in einschlägiger Literatur über unser Verfassungsrecht unter dem Begriff "Schrankentrias" nach.

    Alles in allem bleibt die Frage: Was ist denn wirklich so schlimm daran, wenn sich zwei Männer küssen, wenn Männer mit Federboas hüftenschwingend durch die Stadt laufen, wenn Menschen Freude daran empfinden sich im gegenseiten Einverständnis beim Liebesspiel zu fesseln … man muss es ja nicht mögen … aber man sollte bedenken, dass andere Menschen es mögen und dass mit der Forderung nach mehr Freiheit für den Einzelnen nicht nur die eigenen Vorstellungen von Freiheit gemeint sind.

    Epilog

    Übrigens: Ich gehöre zu denjenigen, die sich schminken und damit in die Öffentlichkeit gehen. Allerdings tue ich das dergestalt, dass ich mir bei Spielen meines Lieblingsvereins unsere Vereinsfarben in die Fresse klatsche. Interessanterweise finden das die meisten in der Westkurve auf dem Betzenberg klasse. Zuweilen frage ich mich aber: Wie würden sie es finden, wenn ich mir Rouge und Eyshadow auflegte und die Augen mit Kayal nachzöge. Nur mal so zum Nachdenken …

    In diesem Sinne: Liebt Euch … dann geht’s der Welt vielleicht ein Stückchen besser …

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