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	<title>Kommentare zu: Ex pluribus unum &#8230; Versuch einer Kategorisierung der schwulen Welt</title>
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	<description>Die Hochschulgruppe für Schwule, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuelle in Karlsruhe</description>
	<lastBuildDate>Sun, 05 Feb 2012 17:21:48 +0100</lastBuildDate>
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		<title>Von: mark</title>
		<link>http://queerbeet.org/2009/08/19/kategorisierung-der-schwulen-welt/comment-page-1/#comment-57</link>
		<dc:creator>mark</dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Aug 2009 11:21:18 +0000</pubDate>
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		<description>(Pr&#228;ambel: Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine pers&#246;nliche Meinungs&#228;u&#223;erung, die auf keinerlei wissenschaftlicher Forschung sondern auf Lebenserfahrung basiert. Auch ist sie deutlich schwulenlastig, da der Autor nicht f&#252;r sich in Anspruch nehmen kann, die Lesben- oder Transgenderwelt gut zu kennen. Also verzeiht mir, wenn ich zuweilen auch nicht ganz geschlechtsneutral geschrieben habe ...)

&lt;h3&gt;Von Fummelkerlen und Ledertrienen&#160;...&#160;&#252;ber die Vielfalt der Welt&lt;/h3&gt;

Wenn ich nach einiger Zeit offen schwulen Lebens in einer bekannten Fankurve eines nicht weniger bekannten deutschen Fu&#223;ballvereins zur&#252;ckdenke an S&#228;tze, die ich von meinen nicht nur heterosexuellen sondern auch mehrheitsnormenkonformen Mit-Fans so zu h&#246;ren bekommen habe, dann f&#228;llt mir insbesondere eine Formulierung ein, die heraussticht:

&quot;Nein, Du bist ja auch eigentlich v&#246;llig normal.&quot;

Konkret findet sich dieser Satz h&#228;ufig in der Gesellschaft von &#196;u&#223;erungen wie: 

&quot;Ich hab&#039; ja nichts gegen Schwule, aber dieses ganze Gehabe kann ich einfach nicht leiden.&quot;

Ich frage mich dann immer, ob ich lachen und mich freuen oder weinen und mich &#228;rgern soll. Ist es nicht toll, dass ich als offener, aber vielleicht nicht unbedingt offensichtlich schwuler Fan meines Clubs von fast 14.000 weiteren Fans in meiner Kurve voll akzeptiert werde oder ist es nicht vielmehr eine Schande, dass offenkundig eben genau die Tatsache, dass man es mir nicht direkt ansieht, der Grund f&#252;r diese Akzeptanz ist?

&lt;h2&gt;Was auff&#228;llt&lt;/h2&gt;

In Zeiten, da T-Shirts, die mit glitzernden Strass-Steinen besetzt sind, ebenso zur heterosexuellen Normenkonformit&#228;t geh&#246;ren wie ebensolche Baseball-Caps, sollte&#160;&#8211;&#160;so mag man meinen&#160;&#8211;&#160;das &#228;u&#223;ere Erscheinungsbild doch absolut keine Rolle mehr spielen, wenn es um die Bewertung des Gegen&#252;bers geht. Nun&#160;...&#160;man hat weit gefehlt, wenn man sich diesen Glauben zueigen macht.

Womit wir zun&#228;chst bei einem Punkt angekommen w&#228;ren, der nach klaren Definitionen schreit:

- Identit&#228;t und Sein
- Habitus (also das Verhalten im Allgemeinen)
- Darstellung (im konkreten Fall also das glitzernde T-Shirt)

Denken wir uns einen Moment in eine heteronormative Kleinfamilie ein, die sich zum ersten Mal mit einem schwulen Nachbarsjungen konfrontiert sieht, der nicht nur den einen oder anderen (aber selten zweimal den gleichen) Kerl auf der Stra&#223;e k&#252;sst, sondern dar&#252;ber hinaus auch noch einerseits seine Hand nicht in eine gerade Linie mit dem Unterarm arrangieren kann und andererseits regelm&#228;&#223;ig in federbesetzter Bluse und M&#228;nnerrock daherkommt.

Nun, was ist es nun, das diese Kleinfamilie an jenem Jungen st&#246;ren k&#246;nnte? Und was davon ist nachvollzieh- bzw. akzeptierbar, was als Diskrimierung zu verurteilen?

Es sollte nicht verwundern, dass ein Autor in diesem Blog selbstverst&#228;ndlich davon ausgeht, dass die sexuelle Orientierung des jungen Mannes sicherlich v&#246;llig in Ordnung ist und einfach nur unter der Kategorie: &quot;So ist er eben&quot; abzuheften w&#228;re. (Womit wir die Sache mit der &quot;Identit&#228;t&quot; abgehakt h&#228;tten.)

Kommen wir zum Thema &quot;Habitus&quot; im Allgemeinen. Da w&#228;re zun&#228;chst einmal die Sache mit den st&#228;ndig wechselnden Knutschpartnern. Hier kommen tief in uns hineinsozialisierte Einstellungen zum Tragen. Da unser (letztlich auch durch Art. 6, Abs. 1 GG, besonderer Schutz der Ehe, zementiertes) Normbild von einer gl&#252;cklichen Gesellschaft die treue und langfristige Verbindung zweier Menschen zur Leitvorstellung stilisiert, erscheint nat&#252;rlich ein offenes Zurschaustellen der eingenen Promiskuit&#228;t wie eine Provokation. Doch wieso eigentlich? 

Rein gesellschaftshistorisch m&#246;gen sich zwei haupts&#228;chliche Gr&#252;nde aufdr&#228;ngen: Einerseits bietet die langfristige und verantwortungsvolle Bindung einen Schutz f&#252;r die (fr&#252;her meist grunds&#228;tzlich erwerbslose) Frau und f&#252;r noch zu zeugende Kinder. Andererseits ist sie ein vordergr&#252;ndig einleuchtender wirkungsvoller Schutz der eigenen Erregerkulturen&#160;...&#160;will sagen: sie sch&#252;tzt vor Krankheiten (besonders sind hier nat&#252;rlich Geschlechtskrankheiten gemeint, aber die sind es nicht ausschlie&#223;lich).

Rein psychologisch lie&#223;e sich allerdings noch ein Grund finden, ohne denselben zu sehr an den Haaren herbeiziehen zu m&#252;ssen: schlichter und einfacher&#160;...&#160;und in seiner so oft ge&#252;bten Form h&#228;ufig auch ehrlicher&#160;...&#160;Neid! Wenige Emotionen sind derartig stark, wenn es darum geht, dass jemand anderes etwas hat, tut oder bekommt, das man selbst nicht nur nicht hat sondern auch in der Vergangenheit vermissen musste.

Interessant in diesem Zusammenhang ist dar&#252;ber hinaus die Konotation, die die Gesellschaft gerne denjenigen angedeihen l&#228;sst, die eben nicht ihre Frau oder ihren Mann mit 16 Jahren in der Tanzschule kennengelernt und seitdem mit keiner oder keinem anderen geschlafen haben:

&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;heterosexuelle wie lesbische Frauen sind &quot;Schlampen&quot;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;homosexuelle M&#228;nner sind potentielle Verbreiter von AIDS&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;und heterosexuelle M&#228;nner sind auch dann noch tolle Hechte, wenn sie ihre Promiskuit&#228;t ausleben, obwohl sie schon l&#228;ngst den Eid auf den Bund f&#252;r&#039;s Leben geschworen haben.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

Belassen wir es dabei und kommen zu einem zweiten Teil des Habitus: zur Gestik. Lassen wir unseren fiktiven Nachbarsjungen zur Illustration einfach einmal die hohe Schule von Tee- und Kaffeek&#228;nnchen, Diadem- sowie Colliergriff beherrschen. Konkret zeigt er damit kein Verhalten, das der menschlichen Rasse inherent fremd w&#228;re (erinnern wir uns an die unsterbliche Joan Collins in der Rolle der Alexis ...), vielmehr demonstriert er eine Verhaltensweise, die im gesellschaftskategorisierenden Kontext mit dem anderen Geschlecht konotiert wird. Es st&#246;&#223;t also ab (oder es wird dar&#252;ber getuschelt), dass er&#160;&#8211;&#160;als Mann&#160;&#8211;&#160;sich verh&#228;lt wie man das eigentlich von einer Frau erwarten w&#252;rde. 

Kommen wir zum letzten Punkt der Liste: die Darstellung: Allen Entwicklungen des modernen Mannes hin zur Metrosexualit&#228;t (Hallo David!) zum Trotz will unser Nachbarsjunge das Ganze noch toppen und kleidet sich nicht einfach in Frauenkleider (das w&#228;re eine andere Form von Genderfrage, die in diesem Artikel nicht beschrieben werden soll), nein er benutzt modische Accessoires, die  verspielt-bunte zum Teil kindisch zum Teil weiblich anmutende Z&#252;ge tragen. Stellt sich die Frage: Will er provozieren, will er auffallen oder gef&#228;llt es ihm einfach? Die heteronormativkonformen Nachbarn jedenfalls werden sich wahrscheinlich provoziert f&#252;hlen.

Nehmen wir nun statt unseres flamboyanten Nachbarsjungen einen, der zwar auch schwul, sonst aber v&#246;llig mehrheitsnormenkonform ist. Lassen wir ihn Fu&#223;ball spielen, KSC-Fan und seit drei Jahren mit seinem Freund zusammen sein. Au&#223;erdem soll er haupts&#228;chlich Jeans und T-Shirt tragen. Werden sich hier die Nachbarn auch irritiert f&#252;hlen? Nun, wenn er seinen Freund nur in seinem Zimmer k&#252;sst, werden sie noch nicht einmal merken, dass der junge Mann nicht der Norm entspricht. (Sehen wir mal davon ab, dass keiner versteht, warum er dem KSC anh&#228;ngt ;-) ) Doch dann, wenn sie es herausfinden&#160;...&#160;tja, den Satz: &quot;Aber Du bist doch Fu&#223;ballfan&quot; wird er sich wohl mindestens anh&#246;ren m&#252;ssen.


&lt;h2&gt;Nicht nur bei Biedermann&lt;/h2&gt;

Verlassen wir nun die Kleinstadtidylle mit Einfamilienh&#228;usern, Kombis und Kinderschaukeln in kirschlorbeerbegrenzten Vorg&#228;rten und wenden uns der schwul-lesbischen Szene zu. Faszinierenderweise finden wir hier ein &#228;hnliches Konformit&#228;tsdenken wie dort. Bietet die Szene zwar eine gewisse Sicherheit, was das Ausleben eigener Vorlieben angeht, so ist sie vor Befindlichkeiten nicht gefeit. Denn auch die Schwulen und Lesben unserer Tage m&#252;ssen sich mit den verschiedensten Lebens- und Ausdrucksformen des Lebens auseinandersetzen. Da sind die bereits zur Gen&#252;ge beschriebenen flamboyanten Mitglieder unserer Spezies, da sind aber ebenso die Lederkerle und die Yuppies. Da sind (wie es so sch&#246;n hei&#223;t) &quot;Leute wie Du und ich&quot;, da sind 20-j&#228;hrige Knaben, die mit ihrem 50-j&#228;hrigen Freund gl&#252;cklich sind, da finden sich Anabolikawunder ebenso wie die immer wieder bewunderten Hungert&#252;cher. Wer einmal in einer einschl&#228;gigen Disco von einem Lederkerl in Chaps und mit Lederm&#252;tze in fistelhoher Stimme angesprochen wurde und sich danach eine Stunde lang &#252;ber die Interpretation der K&#246;nigin der Nacht durch Frau Schwarzkopf unterhalten hat, wer im Fu&#223;ballstadion &#252;ber Hegel diskutiert hat, der wird mir zustimmen, dass die Vielfalt das Gew&#252;rz des Lebens ist.

Ja, auch der Lederkerl f&#228;llt auf. Es ist allerdings in der heterosexuellen Welt selten g&#228;ngig, ihn als schwul zu identifizieren. Und wie ist es mit den &quot;ganz normalen&quot; Typen von Nebenan? Man sieht es ihnen nicht an, sie provozieren nicht und wenn man nicht gerade das Gl&#252;ck hat, sie H&#228;ndchen haltend anzutreffen, k&#228;me man noch nicht mal auf die Idee, dass da irgendwas nicht so &quot;normal&quot; (nennen wir es lieber &quot;merhrheitsnormenkonform&quot;) ist.


&lt;h2&gt;Wer &#214;ffentlichkeit will ...&lt;/h2&gt;

Nun mag es viele Schwule und Lesben geben, die sich w&#252;nschen w&#252;rden, dass Schwule und Lesben in der &#214;ffentlichkeit als etwas &quot;Normales&quot; wahrgenommen w&#252;rden. Nehmen wir das Beispiel CSD-Berichterstattung: Wie oft w&#252;nscht man sich, auf den Bilderserien der deutschen Presse s&#228;he man weniger Pailletten, weniger Federboas, weniger Lack, Gummi und Leder und daf&#252;r ein paar mehr h&#228;ndchenhaltende Hauptschullehrer oder sich k&#252;ssende Jungs im Fu&#223;balltrikot.

Doch Presse funktioniert so nicht. K&#228;men n&#228;chstes Jahr auf den CSD nach K&#246;ln ausschlie&#223;lich Leute, die niemandem auffielen, so w&#228;re in den folgenden Tagen in wahrscheinlich keiner bekannten Zeitung oder Website dar&#252;ber zu lesen. Auff&#228;lliges Outfit provoziert also nicht nur, es bietet auch &#214;ffentlichkeit. W&#252;rde heute jemand Rosa von Praunheim kennen, wenn er in T-Shirt und Cordhose dahergekommen w&#228;re? Ja mehr noch: W&#252;rden wir heute in unserer gesellschaftlichen Anerkennung wirklich schon so weit sein, wie wir sind, wenn nicht Menschen bereit gewesen w&#228;ren, sich dem Spott auszusetzen, der mittlerweile zum Teil in Begeisterung umgeschlagen ist? W&#228;ren alle Schwulen und Lesben mehrheitsnormenkonform, w&#228;re es &#252;berhaupt einer breiten &#214;ffentlichkeit bekannt, dass es so viele gibt?

Das ernsthafte Auseinandersetzen mit unseren Bed&#252;rfnissen und Rechten hat am Ende die aktuellen fortschrittlichen Bewegungen in der Rechts- und Legimit&#228;tsauffassung bewirkt, aber vor den Ernst hatten die G&#246;tter in diesem Fall den Spa&#223; gesetzt. Sicherlich noch nicht in der Christopher Street. Sicherlich auch nicht in vielen kleinen Arbeitskreisen, in vielen Gerichtsverfahren etc., die sich in der Vergangenheit mit unserer Anerkennung auseinandergesetzt haben. Aber doch sicherlich in der &#246;ffentlichen Warhnehmumg, die von Irritation, Ablehnung und Hass &#252;ber die Zwischenstufe der Erkenntnis (&quot;Die sind zwar komisch, tun mir aber nichts&quot;) langsam auf dem Weg zu freudvollem, freundlichem und gemeinsamen Feiern ist.


Nun, hier dr&#228;ngt sich nun fast der Eindruck auf, dass bewusst und mit langfristig kalkuliertem Anspruch provoziert wurde. Nat&#252;rlich war und ist das nicht immer so. Einige sind einfach gerne schrill, bunt und laut. Doch gerade in diesem Punkt sei ein Einwurf gestattet: Wer sich &#252;ber die Lautst&#228;rke der bunten Herden aufregt, der mag einfach einmal am Wochenende in bester Ausflugswanderermanier in einer S-Bahn den &#228;lteren Damen lauschen, die sich da lautstark nicht nur &#252;ber ihre Kochrezepte, sondern gleich noch &#252;ber ihre fragw&#252;rdigen Geographiekenntnisse auslassen. Sch&#246;n ist das nicht&#160;...&#160;ich spreche aus Erfahrung. Die Zielansage jedenfalls haben sie souver&#228;n &#252;bert&#246;nt. Vergleichbare Szenen mit Fu&#223;ballfans auf dem Heimweg vom Stadion oder randalierenden alkoholisierten Jugendlichen nach dem Diskobesuch sind naheliegend und sollen daher hier nicht ausgef&#252;hrt werden.


Von der Entwicklung der Gesellschaft ins Heute

Womit wir wieder bei der Frage w&#228;ren, inwiefern bestimmte Verhaltensweisen st&#246;rend und somit abzulehnen sind. &#220;ber Jahrhunderte hinweg waren wir angehalten und dazu erzogen, uns so zu verhalten, wie es einem komplexen Kodex entsprach. Doch heutzutage sollte eigentlich die Menschheit etwas weiter sein: Das eigene Handeln sollte in dem Moment hinterfragt werden, wo es die Freiheit und das Recht des Anderen einschr&#228;nkt. 

Nehmen wir ein Beispiel: Zwei Paradeschwuppen stolzieren durch Karlsruhe. Wem schaden sie? Wessen Freiheit schr&#228;nken sie ein? Hingegen steht mal wieder ein fetter alter Besserwisser an der Stra&#223;enbahnhaltestelle direkt vor der T&#252;r und verhindert so den reibungslosen Fahrgastwechsel (erlebe ich so &#228;hnlich mindestens jeden zweiten Tag). Da habe ich die beiden Schwuppen ehrlich gesagt lieber. Wenn&#039;s mir nicht gef&#228;llt, kann ich weggucken. An dem Fettsack musste ich mich letztens erst m&#252;hsam vorbeidr&#228;ngen. Man soll ja nicht glauben, dass er den Anstand besessen h&#228;tte, einen Schritt zur&#252;ckzugehen. Interessanterweise ist der eine gesellschaftlich absolut akzeptiert, w&#228;hrend die beiden anderen nach wie vor mit Vorurteilen zu k&#228;mpfen haben: aus der allgemeinen Gesellschaft ebenso wie aus der eigenen Szene!

Nun, was uns nicht schon alles verboten wurde&#160;...&#160;und ich rede nicht vom Mittelalter&#160;...&#160;noch nicht lange her, da war es verboten oder zumindest verp&#246;nt, als Mann lange Haare zu tragen. Auch der &#246;ffentliche Kuss (unter sonst hoch anst&#228;ndigen heterosexuellen Menschen) ist erst seit einigen Jahrzehnten aus der Schmuddelecke befreit worden. Die Beherbergung nicht verheirateter Paare stand in Deutschland noch bis zum Jahr 1969 (DDR bis 1968) durch den sogenannten Kuppeleiparagraphen unter Strafe. Wenn es also um die Reglementierung der Verhaltensweisen unserer Mitb&#252;rger geht, haben wir nicht nur eine lange und ausf&#252;hrliche Tradition sowohl in der allgemeinen Gesellschaft als auch in der Jurisdiktion, wir haben diese Traditionen auch bis in unsere j&#252;ngste Vergangenheit bewahrt.

Nun sei eines fairerweise auch noch angemerkt: Einige Verhaltensweisen sind durchaus auch deswegen gesellschaftlich ge&#228;chtet (oder waren es), weil sie (zu Recht oder zu Unrecht) sowohl das Empfinden der Einzelnen als auch die gesellschaftliche Struktur insgesamt negativ beeinflussen. Nehmen wir die Bekundung gegenseitiger Zuneigung in der &#214;ffentlichkeit: Zun&#228;chst einmal mag es verwundern, wenn man Vorbehalte gegen&#252;ber einer derartigen Handlung haben sollte. Allerdings kann man sich durchaus vorstellen, dass Personen, die sich (zur Zeit oder dauerhaft) im Status des Singledaseins befinden, dadurch gest&#246;rt f&#252;hlen: nicht, weil sie die Z&#228;rtlichkeiten ablehnen oder sie &quot;anst&#246;&#223;ig&quot; finden, sondern schlicht, weil sie selbst gerade alleine sind. Auch soll es ja Menschen geben, denen das traute Gl&#252;ck zu zweit dauerhaft verwehrt bleibt. Einerseits kann man hier das Argument des Neides einf&#252;hren und antworten: &quot;Die sollen sich nicht so haben&quot;. Auf der anderen Seite kann man mit dem Argument der R&#252;cksicht argumentieren und sich fragen, ob die &#246;ffentliche Zurschaustellung der eigenen Zuneigung tats&#228;chlich n&#246;tig und das psychische Herunterziehen der Umgebung wert ist. Ich sage nicht, dass dies ein Grund ist, auf Z&#228;rtlichkeiten in der &#214;ffentlichkeit zu verzichten. Es sei lediglich darauf hingewiesen, dass diese Argumentation durchaus stichhaltig ist jenseits von abstrakten, ja vielleicht unsinnigen Moralvorstellungen und Begriffen wie &quot;unanst&#228;ndig&quot; oder gar &quot;ekelhaft&quot;.

Auch besondere Formen der Darstellung des eigenen Ichs oder auch damit verbunden der eigenen &#220;berzeugungen oder Meinungen galten zuweilen als Bedrohung f&#252;r die Gesellschaft. So mag man vor Zeiten zum Beispiel lange Haare bei M&#228;nnern mit gewissen anarchistischen Gedanken gleichgesetzt und damit als ein Symbol daf&#252;r interpretiert haben, dass der Staatsaufbau, wie wir ihn kennen, gest&#252;rzt werden sollte. Nun, einerseits hat die Geschichte gezeigt, dass insbesondere in den 68er Zeiten derartige Haartracht zwar als Aufbegehren gegen die verkrusteten Strukturen der fr&#252;hen aber dennoch &#252;beraus konservativ gef&#252;hrten Republik zur Schau gestellt wurden, dies aber durchaus von Menschen, die Ideale bez&#252;glich der Verbesserung dieser Republik hatten&#160;...&#160;und deren Ideale in den folgenden Jahren durchaus auch von Menschen mit Kurzhaarschnitt in Anzug und Krawatte nicht nur geteilt sondern auch umgesetzt wurden. Zum anderen sei die Frage erlaubt, wie sich bitte ein Land, dass jahrelang das Tragen von Kurzhaarschnitt und brauner Uniform toleriert hat, ein Recht darauf hat, die eventuelle Zurschaustellung anderer politischer &#220;berzeugungen in irgendeiner Weise schlecht zu hei&#223;en. Die kahlrasierte Dummheit streckt heute noch ihre Hand ge&#039;n Himmel. Gerade wir sollten uns &#252;ber m&#246;glichst viel Vielfalt im Aussehen unserer Mitmenschen freuen und damit auch dar&#252;ber, das derartiges nicht wieder zur Norm wird!

So kann die freie Entfaltung der Pers&#246;nlichkeit also einerseits als positive Errungenschaft der Neuzeit interpretiert werden. Sie birgt allerdings auch in sich Probleme, die vielleicht nicht direkt ins Auge stechen, aber durchaus der Diskussion wert sind.

Um damit umgehen zu k&#246;nnen muss sich die Gesellschaft als Ganzes entwickeln: hin zu Individuen, die mit gro&#223;em eigenen Selbstbewusstsein ohne Vernachl&#228;ssigung des sozialen Umfeldes den respekt- und r&#252;cksichtsvollen Umgang miteinander &#252;ben, weil sie daran glauben, dass eben dieser zu einem gl&#252;cklicheren Miteinander f&#252;hrt und nicht, weil sie einfach wie eine blinde Herde irgendwelchen gesellschaftlichen Kodizes folgen.


&lt;h2&gt;Warum?&lt;/h2&gt;

Zuletzt sei die gef&#228;hrlichste aller Fragen gesetellt: Warum?&#160;...&#160;und zwar in beide Richtungen:

&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;Warum lehnt man Menschen ab, die offensichtlich anders sind, sich anders verhalten oder sich anders darstellen als die Mehrheit?&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;Warum will man sich nicht an bisherige gesellschaftliche Konventionen halten und sich folglich zum Beispiel schrill, bunt, in Lack und Leder oder sonstwie &quot;provozierend&quot; darstellen?&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;

Zu ersterem: Es scheint ein urmenschliches Verhalten zu sein, alles, was nicht dem eigenen Erfahrungshorizont entspricht, erst einmal abzulehnen. Vielleicht stammt dies noch aus Zeiten, in denen man den eigenen Stamm bewahren wollte&#160;...&#160;der Mensch ist ein Rudeltier. Was nicht so war wie man selbst war eine Bedrohung f&#252;r die eigene Sippe und musste dementsprechend bek&#228;mpft werden. Doch sollten tausende von Jahren Kulturevolution langsam daf&#252;r gesorgt haben, dass wir zumindest einen Teil unserer Instinkte durch rationale &#220;berlegungen abl&#246;sen konnten. Ob das ein Fortschritt ist? Diese Frage ist wohl nur f&#252;r Menschen interessant, die sich das Faustrecht zur&#252;ckw&#252;nschen. Eines aber d&#252;rfte zwar klar aber leider nicht f&#252;r alle offensichtlich sein: Unreflektierte Ablehnung dokumentiert nur eines: Die eigene Angst!

Zu letzterem: Das menschliche &quot;Sein&quot; sollte unantastbar sein, seine W&#252;rde und seine Freiheit. Wenn es aber um Handlungen und Darstellungen geht, so ist es vielleicht zuweilen besser, Kompromisse zu machen, sei dies aus R&#252;cksicht auf das Empfinden anderer, sei das aus einem Bed&#252;rfnis heraus, sich selbst zu sch&#252;tzen. Allerdings soll und wird sich unsere Gesellschaft auch hier in kleineren Schritten weiterentwickeln. Und etwas mehr Farbe tut ihr bestimmt gut! Provokation ist wichtig. Sie hilft uns, zwischen &#252;berkommenen Moralvorstellungen und wahren gesellschaftlichen Umgangsformen zu unterscheiden.

Bei aller Vielfalt und Farbenfr&#246;hlichkeit sei gew&#252;nscht, dass immer die R&#252;cksicht auf und der Respekt vor dem Anderen eine Rolle spielt, wenn es darum geht, wie weit man seine Provokationen treibt. Und dass sich die Freiheit des einen mit der Freiheit des anderen die Waage halten muss, braucht hier hoffentlich nicht mehr erw&#228;hnt zu werden. Wer damit Probleme hat, der lese in einschl&#228;giger Literatur &#252;ber unser Verfassungsrecht unter dem Begriff &quot;Schrankentrias&quot; nach.

Alles in allem bleibt die Frage: Was ist denn wirklich so schlimm daran, wenn sich zwei M&#228;nner k&#252;ssen, wenn M&#228;nner mit Federboas h&#252;ftenschwingend durch die Stadt laufen, wenn Menschen Freude daran empfinden sich im gegenseiten Einverst&#228;ndnis beim Liebesspiel zu fesseln&#160;...&#160;man muss es ja nicht m&#246;gen&#160;...&#160;aber man sollte bedenken, dass andere Menschen es m&#246;gen und dass mit der Forderung nach mehr Freiheit f&#252;r den Einzelnen nicht nur die eigenen Vorstellungen von Freiheit gemeint sind.


&lt;h2&gt;Epilog&lt;/h2&gt;

&#220;brigens: Ich geh&#246;re zu denjenigen, die sich schminken und damit in die &#214;ffentlichkeit gehen. Allerdings tue ich das dergestalt, dass ich mir bei Spielen meines Lieblingsvereins unsere Vereinsfarben in die Fresse klatsche. Interessanterweise finden das die meisten in der Westkurve auf dem Betzenberg klasse. Zuweilen frage ich mich aber: Wie w&#252;rden sie es finden, wenn ich mir  Rouge und Eyshadow auflegte und die Augen mit Kayal nachz&#246;ge. Nur mal so zum Nachdenken ...

In diesem Sinne: Liebt Euch&#160;...&#160;dann geht&#039;s der Welt vielleicht ein St&#252;ckchen besser ...</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>(Präambel: Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine persönliche Meinungsäußerung, die auf keinerlei wissenschaftlicher Forschung sondern auf Lebenserfahrung basiert. Auch ist sie deutlich schwulenlastig, da der Autor nicht für sich in Anspruch nehmen kann, die Lesben- oder Transgenderwelt gut zu kennen. Also verzeiht mir, wenn ich zuweilen auch nicht ganz geschlechtsneutral geschrieben habe &#8230;)</p>
<h3>Von Fummelkerlen und Ledertrienen&nbsp;&#8230;&nbsp;über die Vielfalt der Welt</h3>
<p>Wenn ich nach einiger Zeit offen schwulen Lebens in einer bekannten Fankurve eines nicht weniger bekannten deutschen Fußballvereins zurückdenke an Sätze, die ich von meinen nicht nur heterosexuellen sondern auch mehrheitsnormenkonformen Mit-Fans so zu hören bekommen habe, dann fällt mir insbesondere eine Formulierung ein, die heraussticht:</p>
<p>&quot;Nein, Du bist ja auch eigentlich völlig normal.&quot;</p>
<p>Konkret findet sich dieser Satz häufig in der Gesellschaft von Äußerungen wie: </p>
<p>&quot;Ich hab&#8216; ja nichts gegen Schwule, aber dieses ganze Gehabe kann ich einfach nicht leiden.&quot;</p>
<p>Ich frage mich dann immer, ob ich lachen und mich freuen oder weinen und mich ärgern soll. Ist es nicht toll, dass ich als offener, aber vielleicht nicht unbedingt offensichtlich schwuler Fan meines Clubs von fast 14.000 weiteren Fans in meiner Kurve voll akzeptiert werde oder ist es nicht vielmehr eine Schande, dass offenkundig eben genau die Tatsache, dass man es mir nicht direkt ansieht, der Grund für diese Akzeptanz ist?</p>
<h2>Was auffällt</h2>
<p>In Zeiten, da T-Shirts, die mit glitzernden Strass-Steinen besetzt sind, ebenso zur heterosexuellen Normenkonformität gehören wie ebensolche Baseball-Caps, sollte&nbsp;&ndash;&nbsp;so mag man meinen&nbsp;&ndash;&nbsp;das äußere Erscheinungsbild doch absolut keine Rolle mehr spielen, wenn es um die Bewertung des Gegenübers geht. Nun&nbsp;&#8230;&nbsp;man hat weit gefehlt, wenn man sich diesen Glauben zueigen macht.</p>
<p>Womit wir zunächst bei einem Punkt angekommen wären, der nach klaren Definitionen schreit:</p>
<p>- Identität und Sein<br />
- Habitus (also das Verhalten im Allgemeinen)<br />
- Darstellung (im konkreten Fall also das glitzernde T-Shirt)</p>
<p>Denken wir uns einen Moment in eine heteronormative Kleinfamilie ein, die sich zum ersten Mal mit einem schwulen Nachbarsjungen konfrontiert sieht, der nicht nur den einen oder anderen (aber selten zweimal den gleichen) Kerl auf der Straße küsst, sondern darüber hinaus auch noch einerseits seine Hand nicht in eine gerade Linie mit dem Unterarm arrangieren kann und andererseits regelmäßig in federbesetzter Bluse und Männerrock daherkommt.</p>
<p>Nun, was ist es nun, das diese Kleinfamilie an jenem Jungen stören könnte? Und was davon ist nachvollzieh- bzw. akzeptierbar, was als Diskrimierung zu verurteilen?</p>
<p>Es sollte nicht verwundern, dass ein Autor in diesem Blog selbstverständlich davon ausgeht, dass die sexuelle Orientierung des jungen Mannes sicherlich völlig in Ordnung ist und einfach nur unter der Kategorie: &quot;So ist er eben&quot; abzuheften wäre. (Womit wir die Sache mit der &quot;Identität&quot; abgehakt hätten.)</p>
<p>Kommen wir zum Thema &quot;Habitus&quot; im Allgemeinen. Da wäre zunächst einmal die Sache mit den ständig wechselnden Knutschpartnern. Hier kommen tief in uns hineinsozialisierte Einstellungen zum Tragen. Da unser (letztlich auch durch Art. 6, Abs. 1 GG, besonderer Schutz der Ehe, zementiertes) Normbild von einer glücklichen Gesellschaft die treue und langfristige Verbindung zweier Menschen zur Leitvorstellung stilisiert, erscheint natürlich ein offenes Zurschaustellen der eingenen Promiskuität wie eine Provokation. Doch wieso eigentlich? </p>
<p>Rein gesellschaftshistorisch mögen sich zwei hauptsächliche Gründe aufdrängen: Einerseits bietet die langfristige und verantwortungsvolle Bindung einen Schutz für die (früher meist grundsätzlich erwerbslose) Frau und für noch zu zeugende Kinder. Andererseits ist sie ein vordergründig einleuchtender wirkungsvoller Schutz der eigenen Erregerkulturen&nbsp;&#8230;&nbsp;will sagen: sie schützt vor Krankheiten (besonders sind hier natürlich Geschlechtskrankheiten gemeint, aber die sind es nicht ausschließlich).</p>
<p>Rein psychologisch ließe sich allerdings noch ein Grund finden, ohne denselben zu sehr an den Haaren herbeiziehen zu müssen: schlichter und einfacher&nbsp;&#8230;&nbsp;und in seiner so oft geübten Form häufig auch ehrlicher&nbsp;&#8230;&nbsp;Neid! Wenige Emotionen sind derartig stark, wenn es darum geht, dass jemand anderes etwas hat, tut oder bekommt, das man selbst nicht nur nicht hat sondern auch in der Vergangenheit vermissen musste.</p>
<p>Interessant in diesem Zusammenhang ist darüber hinaus die Konotation, die die Gesellschaft gerne denjenigen angedeihen lässt, die eben nicht ihre Frau oder ihren Mann mit 16 Jahren in der Tanzschule kennengelernt und seitdem mit keiner oder keinem anderen geschlafen haben:</p>
<ul>
<li>heterosexuelle wie lesbische Frauen sind &quot;Schlampen&quot;</li>
<li>homosexuelle Männer sind potentielle Verbreiter von AIDS</li>
<li>und heterosexuelle Männer sind auch dann noch tolle Hechte, wenn sie ihre Promiskuität ausleben, obwohl sie schon längst den Eid auf den Bund für&#8217;s Leben geschworen haben.</li>
</ul>
<p>Belassen wir es dabei und kommen zu einem zweiten Teil des Habitus: zur Gestik. Lassen wir unseren fiktiven Nachbarsjungen zur Illustration einfach einmal die hohe Schule von Tee- und Kaffeekännchen, Diadem- sowie Colliergriff beherrschen. Konkret zeigt er damit kein Verhalten, das der menschlichen Rasse inherent fremd wäre (erinnern wir uns an die unsterbliche Joan Collins in der Rolle der Alexis &#8230;), vielmehr demonstriert er eine Verhaltensweise, die im gesellschaftskategorisierenden Kontext mit dem anderen Geschlecht konotiert wird. Es stößt also ab (oder es wird darüber getuschelt), dass er&nbsp;&ndash;&nbsp;als Mann&nbsp;&ndash;&nbsp;sich verhält wie man das eigentlich von einer Frau erwarten würde. </p>
<p>Kommen wir zum letzten Punkt der Liste: die Darstellung: Allen Entwicklungen des modernen Mannes hin zur Metrosexualität (Hallo David!) zum Trotz will unser Nachbarsjunge das Ganze noch toppen und kleidet sich nicht einfach in Frauenkleider (das wäre eine andere Form von Genderfrage, die in diesem Artikel nicht beschrieben werden soll), nein er benutzt modische Accessoires, die  verspielt-bunte zum Teil kindisch zum Teil weiblich anmutende Züge tragen. Stellt sich die Frage: Will er provozieren, will er auffallen oder gefällt es ihm einfach? Die heteronormativkonformen Nachbarn jedenfalls werden sich wahrscheinlich provoziert fühlen.</p>
<p>Nehmen wir nun statt unseres flamboyanten Nachbarsjungen einen, der zwar auch schwul, sonst aber völlig mehrheitsnormenkonform ist. Lassen wir ihn Fußball spielen, KSC-Fan und seit drei Jahren mit seinem Freund zusammen sein. Außerdem soll er hauptsächlich Jeans und T-Shirt tragen. Werden sich hier die Nachbarn auch irritiert fühlen? Nun, wenn er seinen Freund nur in seinem Zimmer küsst, werden sie noch nicht einmal merken, dass der junge Mann nicht der Norm entspricht. (Sehen wir mal davon ab, dass keiner versteht, warum er dem KSC anhängt <img src='http://queerbeet.org/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';-)' class='wp-smiley' />  ) Doch dann, wenn sie es herausfinden&nbsp;&#8230;&nbsp;tja, den Satz: &quot;Aber Du bist doch Fußballfan&quot; wird er sich wohl mindestens anhören müssen.</p>
<h2>Nicht nur bei Biedermann</h2>
<p>Verlassen wir nun die Kleinstadtidylle mit Einfamilienhäusern, Kombis und Kinderschaukeln in kirschlorbeerbegrenzten Vorgärten und wenden uns der schwul-lesbischen Szene zu. Faszinierenderweise finden wir hier ein ähnliches Konformitätsdenken wie dort. Bietet die Szene zwar eine gewisse Sicherheit, was das Ausleben eigener Vorlieben angeht, so ist sie vor Befindlichkeiten nicht gefeit. Denn auch die Schwulen und Lesben unserer Tage müssen sich mit den verschiedensten Lebens- und Ausdrucksformen des Lebens auseinandersetzen. Da sind die bereits zur Genüge beschriebenen flamboyanten Mitglieder unserer Spezies, da sind aber ebenso die Lederkerle und die Yuppies. Da sind (wie es so schön heißt) &quot;Leute wie Du und ich&quot;, da sind 20-jährige Knaben, die mit ihrem 50-jährigen Freund glücklich sind, da finden sich Anabolikawunder ebenso wie die immer wieder bewunderten Hungertücher. Wer einmal in einer einschlägigen Disco von einem Lederkerl in Chaps und mit Ledermütze in fistelhoher Stimme angesprochen wurde und sich danach eine Stunde lang über die Interpretation der Königin der Nacht durch Frau Schwarzkopf unterhalten hat, wer im Fußballstadion über Hegel diskutiert hat, der wird mir zustimmen, dass die Vielfalt das Gewürz des Lebens ist.</p>
<p>Ja, auch der Lederkerl fällt auf. Es ist allerdings in der heterosexuellen Welt selten gängig, ihn als schwul zu identifizieren. Und wie ist es mit den &quot;ganz normalen&quot; Typen von Nebenan? Man sieht es ihnen nicht an, sie provozieren nicht und wenn man nicht gerade das Glück hat, sie Händchen haltend anzutreffen, käme man noch nicht mal auf die Idee, dass da irgendwas nicht so &quot;normal&quot; (nennen wir es lieber &quot;merhrheitsnormenkonform&quot;) ist.</p>
<h2>Wer Öffentlichkeit will &#8230;</h2>
<p>Nun mag es viele Schwule und Lesben geben, die sich wünschen würden, dass Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit als etwas &quot;Normales&quot; wahrgenommen würden. Nehmen wir das Beispiel CSD-Berichterstattung: Wie oft wünscht man sich, auf den Bilderserien der deutschen Presse sähe man weniger Pailletten, weniger Federboas, weniger Lack, Gummi und Leder und dafür ein paar mehr händchenhaltende Hauptschullehrer oder sich küssende Jungs im Fußballtrikot.</p>
<p>Doch Presse funktioniert so nicht. Kämen nächstes Jahr auf den CSD nach Köln ausschließlich Leute, die niemandem auffielen, so wäre in den folgenden Tagen in wahrscheinlich keiner bekannten Zeitung oder Website darüber zu lesen. Auffälliges Outfit provoziert also nicht nur, es bietet auch Öffentlichkeit. Würde heute jemand Rosa von Praunheim kennen, wenn er in T-Shirt und Cordhose dahergekommen wäre? Ja mehr noch: Würden wir heute in unserer gesellschaftlichen Anerkennung wirklich schon so weit sein, wie wir sind, wenn nicht Menschen bereit gewesen wären, sich dem Spott auszusetzen, der mittlerweile zum Teil in Begeisterung umgeschlagen ist? Wären alle Schwulen und Lesben mehrheitsnormenkonform, wäre es überhaupt einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass es so viele gibt?</p>
<p>Das ernsthafte Auseinandersetzen mit unseren Bedürfnissen und Rechten hat am Ende die aktuellen fortschrittlichen Bewegungen in der Rechts- und Legimitätsauffassung bewirkt, aber vor den Ernst hatten die Götter in diesem Fall den Spaß gesetzt. Sicherlich noch nicht in der Christopher Street. Sicherlich auch nicht in vielen kleinen Arbeitskreisen, in vielen Gerichtsverfahren etc., die sich in der Vergangenheit mit unserer Anerkennung auseinandergesetzt haben. Aber doch sicherlich in der öffentlichen Warhnehmumg, die von Irritation, Ablehnung und Hass über die Zwischenstufe der Erkenntnis (&quot;Die sind zwar komisch, tun mir aber nichts&quot;) langsam auf dem Weg zu freudvollem, freundlichem und gemeinsamen Feiern ist.</p>
<p>Nun, hier drängt sich nun fast der Eindruck auf, dass bewusst und mit langfristig kalkuliertem Anspruch provoziert wurde. Natürlich war und ist das nicht immer so. Einige sind einfach gerne schrill, bunt und laut. Doch gerade in diesem Punkt sei ein Einwurf gestattet: Wer sich über die Lautstärke der bunten Herden aufregt, der mag einfach einmal am Wochenende in bester Ausflugswanderermanier in einer S-Bahn den älteren Damen lauschen, die sich da lautstark nicht nur über ihre Kochrezepte, sondern gleich noch über ihre fragwürdigen Geographiekenntnisse auslassen. Schön ist das nicht&nbsp;&#8230;&nbsp;ich spreche aus Erfahrung. Die Zielansage jedenfalls haben sie souverän übertönt. Vergleichbare Szenen mit Fußballfans auf dem Heimweg vom Stadion oder randalierenden alkoholisierten Jugendlichen nach dem Diskobesuch sind naheliegend und sollen daher hier nicht ausgeführt werden.</p>
<p>Von der Entwicklung der Gesellschaft ins Heute</p>
<p>Womit wir wieder bei der Frage wären, inwiefern bestimmte Verhaltensweisen störend und somit abzulehnen sind. Über Jahrhunderte hinweg waren wir angehalten und dazu erzogen, uns so zu verhalten, wie es einem komplexen Kodex entsprach. Doch heutzutage sollte eigentlich die Menschheit etwas weiter sein: Das eigene Handeln sollte in dem Moment hinterfragt werden, wo es die Freiheit und das Recht des Anderen einschränkt. </p>
<p>Nehmen wir ein Beispiel: Zwei Paradeschwuppen stolzieren durch Karlsruhe. Wem schaden sie? Wessen Freiheit schränken sie ein? Hingegen steht mal wieder ein fetter alter Besserwisser an der Straßenbahnhaltestelle direkt vor der Tür und verhindert so den reibungslosen Fahrgastwechsel (erlebe ich so ähnlich mindestens jeden zweiten Tag). Da habe ich die beiden Schwuppen ehrlich gesagt lieber. Wenn&#8217;s mir nicht gefällt, kann ich weggucken. An dem Fettsack musste ich mich letztens erst mühsam vorbeidrängen. Man soll ja nicht glauben, dass er den Anstand besessen hätte, einen Schritt zurückzugehen. Interessanterweise ist der eine gesellschaftlich absolut akzeptiert, während die beiden anderen nach wie vor mit Vorurteilen zu kämpfen haben: aus der allgemeinen Gesellschaft ebenso wie aus der eigenen Szene!</p>
<p>Nun, was uns nicht schon alles verboten wurde&nbsp;&#8230;&nbsp;und ich rede nicht vom Mittelalter&nbsp;&#8230;&nbsp;noch nicht lange her, da war es verboten oder zumindest verpönt, als Mann lange Haare zu tragen. Auch der öffentliche Kuss (unter sonst hoch anständigen heterosexuellen Menschen) ist erst seit einigen Jahrzehnten aus der Schmuddelecke befreit worden. Die Beherbergung nicht verheirateter Paare stand in Deutschland noch bis zum Jahr 1969 (DDR bis 1968) durch den sogenannten Kuppeleiparagraphen unter Strafe. Wenn es also um die Reglementierung der Verhaltensweisen unserer Mitbürger geht, haben wir nicht nur eine lange und ausführliche Tradition sowohl in der allgemeinen Gesellschaft als auch in der Jurisdiktion, wir haben diese Traditionen auch bis in unsere jüngste Vergangenheit bewahrt.</p>
<p>Nun sei eines fairerweise auch noch angemerkt: Einige Verhaltensweisen sind durchaus auch deswegen gesellschaftlich geächtet (oder waren es), weil sie (zu Recht oder zu Unrecht) sowohl das Empfinden der Einzelnen als auch die gesellschaftliche Struktur insgesamt negativ beeinflussen. Nehmen wir die Bekundung gegenseitiger Zuneigung in der Öffentlichkeit: Zunächst einmal mag es verwundern, wenn man Vorbehalte gegenüber einer derartigen Handlung haben sollte. Allerdings kann man sich durchaus vorstellen, dass Personen, die sich (zur Zeit oder dauerhaft) im Status des Singledaseins befinden, dadurch gestört fühlen: nicht, weil sie die Zärtlichkeiten ablehnen oder sie &quot;anstößig&quot; finden, sondern schlicht, weil sie selbst gerade alleine sind. Auch soll es ja Menschen geben, denen das traute Glück zu zweit dauerhaft verwehrt bleibt. Einerseits kann man hier das Argument des Neides einführen und antworten: &quot;Die sollen sich nicht so haben&quot;. Auf der anderen Seite kann man mit dem Argument der Rücksicht argumentieren und sich fragen, ob die öffentliche Zurschaustellung der eigenen Zuneigung tatsächlich nötig und das psychische Herunterziehen der Umgebung wert ist. Ich sage nicht, dass dies ein Grund ist, auf Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit zu verzichten. Es sei lediglich darauf hingewiesen, dass diese Argumentation durchaus stichhaltig ist jenseits von abstrakten, ja vielleicht unsinnigen Moralvorstellungen und Begriffen wie &quot;unanständig&quot; oder gar &quot;ekelhaft&quot;.</p>
<p>Auch besondere Formen der Darstellung des eigenen Ichs oder auch damit verbunden der eigenen Überzeugungen oder Meinungen galten zuweilen als Bedrohung für die Gesellschaft. So mag man vor Zeiten zum Beispiel lange Haare bei Männern mit gewissen anarchistischen Gedanken gleichgesetzt und damit als ein Symbol dafür interpretiert haben, dass der Staatsaufbau, wie wir ihn kennen, gestürzt werden sollte. Nun, einerseits hat die Geschichte gezeigt, dass insbesondere in den 68er Zeiten derartige Haartracht zwar als Aufbegehren gegen die verkrusteten Strukturen der frühen aber dennoch überaus konservativ geführten Republik zur Schau gestellt wurden, dies aber durchaus von Menschen, die Ideale bezüglich der Verbesserung dieser Republik hatten&nbsp;&#8230;&nbsp;und deren Ideale in den folgenden Jahren durchaus auch von Menschen mit Kurzhaarschnitt in Anzug und Krawatte nicht nur geteilt sondern auch umgesetzt wurden. Zum anderen sei die Frage erlaubt, wie sich bitte ein Land, dass jahrelang das Tragen von Kurzhaarschnitt und brauner Uniform toleriert hat, ein Recht darauf hat, die eventuelle Zurschaustellung anderer politischer Überzeugungen in irgendeiner Weise schlecht zu heißen. Die kahlrasierte Dummheit streckt heute noch ihre Hand ge&#8217;n Himmel. Gerade wir sollten uns über möglichst viel Vielfalt im Aussehen unserer Mitmenschen freuen und damit auch darüber, das derartiges nicht wieder zur Norm wird!</p>
<p>So kann die freie Entfaltung der Persönlichkeit also einerseits als positive Errungenschaft der Neuzeit interpretiert werden. Sie birgt allerdings auch in sich Probleme, die vielleicht nicht direkt ins Auge stechen, aber durchaus der Diskussion wert sind.</p>
<p>Um damit umgehen zu können muss sich die Gesellschaft als Ganzes entwickeln: hin zu Individuen, die mit großem eigenen Selbstbewusstsein ohne Vernachlässigung des sozialen Umfeldes den respekt- und rücksichtsvollen Umgang miteinander üben, weil sie daran glauben, dass eben dieser zu einem glücklicheren Miteinander führt und nicht, weil sie einfach wie eine blinde Herde irgendwelchen gesellschaftlichen Kodizes folgen.</p>
<h2>Warum?</h2>
<p>Zuletzt sei die gefährlichste aller Fragen gesetellt: Warum?&nbsp;&#8230;&nbsp;und zwar in beide Richtungen:</p>
<ul>
<li>Warum lehnt man Menschen ab, die offensichtlich anders sind, sich anders verhalten oder sich anders darstellen als die Mehrheit?</li>
<li>Warum will man sich nicht an bisherige gesellschaftliche Konventionen halten und sich folglich zum Beispiel schrill, bunt, in Lack und Leder oder sonstwie &quot;provozierend&quot; darstellen?</li>
</ul>
<p>Zu ersterem: Es scheint ein urmenschliches Verhalten zu sein, alles, was nicht dem eigenen Erfahrungshorizont entspricht, erst einmal abzulehnen. Vielleicht stammt dies noch aus Zeiten, in denen man den eigenen Stamm bewahren wollte&nbsp;&#8230;&nbsp;der Mensch ist ein Rudeltier. Was nicht so war wie man selbst war eine Bedrohung für die eigene Sippe und musste dementsprechend bekämpft werden. Doch sollten tausende von Jahren Kulturevolution langsam dafür gesorgt haben, dass wir zumindest einen Teil unserer Instinkte durch rationale Überlegungen ablösen konnten. Ob das ein Fortschritt ist? Diese Frage ist wohl nur für Menschen interessant, die sich das Faustrecht zurückwünschen. Eines aber dürfte zwar klar aber leider nicht für alle offensichtlich sein: Unreflektierte Ablehnung dokumentiert nur eines: Die eigene Angst!</p>
<p>Zu letzterem: Das menschliche &quot;Sein&quot; sollte unantastbar sein, seine Würde und seine Freiheit. Wenn es aber um Handlungen und Darstellungen geht, so ist es vielleicht zuweilen besser, Kompromisse zu machen, sei dies aus Rücksicht auf das Empfinden anderer, sei das aus einem Bedürfnis heraus, sich selbst zu schützen. Allerdings soll und wird sich unsere Gesellschaft auch hier in kleineren Schritten weiterentwickeln. Und etwas mehr Farbe tut ihr bestimmt gut! Provokation ist wichtig. Sie hilft uns, zwischen überkommenen Moralvorstellungen und wahren gesellschaftlichen Umgangsformen zu unterscheiden.</p>
<p>Bei aller Vielfalt und Farbenfröhlichkeit sei gewünscht, dass immer die Rücksicht auf und der Respekt vor dem Anderen eine Rolle spielt, wenn es darum geht, wie weit man seine Provokationen treibt. Und dass sich die Freiheit des einen mit der Freiheit des anderen die Waage halten muss, braucht hier hoffentlich nicht mehr erwähnt zu werden. Wer damit Probleme hat, der lese in einschlägiger Literatur über unser Verfassungsrecht unter dem Begriff &quot;Schrankentrias&quot; nach.</p>
<p>Alles in allem bleibt die Frage: Was ist denn wirklich so schlimm daran, wenn sich zwei Männer küssen, wenn Männer mit Federboas hüftenschwingend durch die Stadt laufen, wenn Menschen Freude daran empfinden sich im gegenseiten Einverständnis beim Liebesspiel zu fesseln&nbsp;&#8230;&nbsp;man muss es ja nicht mögen&nbsp;&#8230;&nbsp;aber man sollte bedenken, dass andere Menschen es mögen und dass mit der Forderung nach mehr Freiheit für den Einzelnen nicht nur die eigenen Vorstellungen von Freiheit gemeint sind.</p>
<h2>Epilog</h2>
<p>Übrigens: Ich gehöre zu denjenigen, die sich schminken und damit in die Öffentlichkeit gehen. Allerdings tue ich das dergestalt, dass ich mir bei Spielen meines Lieblingsvereins unsere Vereinsfarben in die Fresse klatsche. Interessanterweise finden das die meisten in der Westkurve auf dem Betzenberg klasse. Zuweilen frage ich mich aber: Wie würden sie es finden, wenn ich mir  Rouge und Eyshadow auflegte und die Augen mit Kayal nachzöge. Nur mal so zum Nachdenken &#8230;</p>
<p>In diesem Sinne: Liebt Euch&nbsp;&#8230;&nbsp;dann geht&#8217;s der Welt vielleicht ein Stückchen besser &#8230;</p>
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