Nachgelesen: Alle Ziele erreicht?

Schon gewusst?

Eigentlich haben die Homosexuellen mit der rechtlichen Gleichstellung und der gesellschaftlichen Akzeptanz ihre Ziele erreicht.

Das schrieb Philipp Gut gestern in einem Essay in der „Welt“ mit dem Titel „Der Kult um die Schwulen“.

Von Ächtung und Diskriminierung kann, nüchtern betrachtet, keine Rede mehr sein. Einst verlacht und verfolgt, üben Homosexuelle heute selbstverständlich alle erdenklichen Bürgerrechte aus.

Und was schlägt er uns konsequenterweise vor?

Nach der erfolgreichen Emanzipation dürfte man eigentlich erwarten, dass die Homosexuellenbewegung etwas lockerer wird und die penetrante „Sichtbarkeit“ zurückstellt.

Philipp Gut ist Kultur- und Gesellschaftschef des Schweizer Wochenmagazins „Weltwoche“, und dort findet man auch eine noch ausführlichere Version seines Artikels.

Nun, wie sieht’s denn aus, hat er vielleicht Recht, der Herr Gut? Mal schauen:

Der neue Vorsitzende der UNO hält Homosexualität für „nicht akzeptabel“ und steht damit nicht alleine: In 80 Staaten sind einvernehmliche homosexuelle Handlungen verboten, in fünf davon droht die Todesstrafe. Aber auch in anderen Staaten ist die Situation der Homosexuellen nicht gerade rosig, viel zu häufig findet man willkürliche Verhaftungen, Schikanierung, Erpressung, Vergewaltigungen und brutale Morde – und der Staat drückt beide Augen zu. In Osteuropa werden Demonstrationen für die Rechte von Homosexuellen von rechtsradikalen Schlägertrupps angegriffen oder gleich ganz verboten.

Im Vergleich dazu lebt es sich als Schwuler in Deutschland tatsächlich relativ gut, aber auch hier steht nicht alles zum Besten. Herrn Gut

erstaunt es, dass Lesben und Schwule Ehen schliessen und selbst Kinder adoptieren wollen (und sich so die letzten Eigenheiten der Heterosexualität aneignen).

Der Wunsch nach der rechtlichen Absicherung einer Partnerschaft sowie der Kinderwunsch haben aber nun einmal nichts mit der sexuellen Ausrichtung der beiden Partner zu tun. In beiden Punkten sind homo- und heterosexuelle Partnerschaften aber eben nicht rechtlich gleichgestellt.  Und von „gesellschaftlicher Akzeptanz“ kann man auch noch nicht wirklich reden, solange man sich sogar aus den Reihen der SPD noch anhören muss  „Ich will keinen schwulen Außenminister“,  und solange auf dem Schulhof „Schwuchtel“ nach wie vor das häufigste Schimpfwort ist. Womit wir wieder bei Herrn Gut wären

Selbst vor Kindern und Schulen machen die schwulen Pressure-Groups nicht halt.

Da zumindest hat er Recht. Gerade an den Schulen ist noch viel zu tun. Das neulich hier gepostete Video mit dem Titel „You don’t need to be afraid“ ist zwar süß, aber leider auch eher unrealistisch. Als Schüler muss man an vielen Schulen eben doch Angst haben, denn bei einem Outing an der Schule muss man nach wie vor damit rechnen, dass die Mitschüler einem das Leben zur Hölle machen.

Es ist also noch viel zu tun – da brauchen wir uns von Herrn Gut wirklich nicht „ziellos gewordenen Aktivismus“ vorwerfen lassen.

Update: Auch andere Autoren haben sich diesen unsäglichen Artikeln des Herrn Gut gewidmet:

  • Philipp Tingler als Reaktion auf den ursprünglichen Artikel in der Weltwoche. Seiner Meinung nach ist der Artikel von Herrn Gut „ein prüdes, kleinbürgerliches Sittenpamphlet, getragen von Klischees, Behauptungen und Paranoia.“
  • Stefan Niggemeier auf seinem Blog
  • Christian Scheuß auf queer.de
  • Marko Martin in der Welt

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1 Antwort zu Nachgelesen: Alle Ziele erreicht?

1 Kommentar
  1. Fenchurch 21. Nov 2009 11:05

    Gestern hat Volker Beck von den Grünen unter dem Titel „Homosexuelle – sichtbarer, aber nicht gleichgestellt“ in der Online-Ausgabe der Welt seine lesenswerte Antwort auf den Artikel von Philipp Gut veröffenlicht:

    Gut wendet sich mit der Feder gegen die „penetrante Sichtbarkeit“ der Homosexuellen, andere machen es mit Faust und Baseballschläger. Praktizierte Homophobie schränkt die grundgesetzlich garantierte freie Entfaltung der Persönlichkeit empfindlich ein. Eine demokratische Gesellschaft muss das Recht durchsetzen, jederzeit und an jedem Ort ohne Angst anders sein zu können.

    PS: Der Original-Artikel von Philipp Gut wurde unter dem leicht veänderten Titel „Der nervige Kult um die Schwulen“ nun auch mit allerlei Leserkommentaren versehen…

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