Queerer Jahresrückblick

Ein frohes neues Jahr all unseren Blog Lesern!

Es ist viel passiert im vergangenen Jahr. Das wichtigste Ereignis 2009 war natürlich die Neugründung der Queerbeet-Hochschulgruppe am 27. Mai. Über unsere ersten sechs Monate wurde an dieser Stelle ja schon berichtet.

Aber auch außerhalb der Hochschulgruppe gab es viele Ereignisse in der queeren Welt, die man in den täglichen (Hetero-)Nachrichten meist vergeblich sucht. Für alle, die nicht regelmäßig die queeren Nachrichten verfolgen (z.B. beim Pressespiegel des LSVD) hier mal eine kurze Zusammenfassung, was im Jahr 2009 in der schwul-lesbisch-bi-trans-Welt so los war.

Deutschland:

In Berlin ist „gayfriendly“ nicht mehr optional: Nachdem der Betreiber einer Eisdiele angeblich schwule und lesbische Gäste beleidigt hatte, haben etwa 2000 Schwule und Lesben dagegen protestiert – direkt vor seiner Tür. Ähnliches Szenario vor einem Falafel-Restaurant: der Betreiber hatte angeblich zwei Schwule mit einer Eisenstange angegriffen. Das kann im neueröffneten Hotel der schwulen Kette „Axel“ (natürlich heterofriendly) nicht passieren. Ebenfalls in Berlin konnte der geplante Auftritt des homophoben jamaikanischen Reggae-Sängers Sizzla verhindert werden – hier demonstrierten etwa 500 Menschen. Auftritte in anderen deutschen Städten fanden jedoch trotz Protesten statt.

Ein Psychologen-Kongress in Marburg hat im Vorfeld massive Proteste ausgelöst, weil dort auch zwei Referenten auftreten sollten, die die „Umpolung“ von Homosexuellen propagieren. Als Reaktion auf die Proteste entstand auf der Gegenseite die sogenannte Marburger Erklärung „Für Freiheit und Selbstbestimmung – gegen totalitäre Bestrebungen der Lesben- und Schwulenverbände“, in welcher gefordert wird, die Forschung und den Diskurs über sowie die Durchführung von Umpolungs-Therapien zuzulassen. Nach dem Kongress wurde heftig gegen eine der Unterzeichnerinnen – die Philosophie-Professorin Edith Düsing – protestiert. Einen weiteren Bericht dazu gibt es beim Kölner Stadt-Anzeiger.

Politik:

Das Bundesverfassungsgericht hat in einem Urteil festgehalten, dass Ungleichbehandlungen von Ehe und Lebenspartnerschaft grundsätzlich nicht verfassungsgemäß sind und insbesondere nicht allein durch den Verweis auf den besonderen Schutz der Ehe gerechtfertigt werden können. Viele Bundesländer haben daraufhin angekündigt, ihr Landesrecht entsprechend anzupassen.

Eine Initiative, den Artikel drei des Grundgesetzes um ein Diskriminierungsverbot aufgrund der sexuellen Identität zu erweitern, wurde leider im Bundesrat abgelehnt. Dennoch ist dieser Diskriminierungsschutz durch die im Dezember in Kraft getretene EU-Grundrechtecharta ebenfalls abgedeckt.

Eine vom Justizministerium in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass Kinder in Regenbogenfamilien keine Nachteile haben. Übrigens: das Wort „Regenbogenfamilie“ findet man jetzt auch im Duden. Auf ein allgemeines Adoptionsrecht werden wir aber wohl trotzdem noch warten müssen.

Island hat nun eine lesbische Premierministerin, Deutschland einen schwulen Außenminister und Vizekanzler. Von den 622 neuen Bundestagsabgeordneten sind übrigens immerhin zehn offen schwul oder lesbisch. Leider ist auch der CSU-Politiker Norbert Geis wieder mit dabei – einer der lautstärksten Homo-Gegner.

Ausland:

Im Iran wurden drei Minderjährige wegen Homosexualität zum Tode verurteilt, auch aus dem Irak gab es Berichte von Exekutionen. Im Senegal wurden Schwule zu acht Jahren Haft verurteilt, in Saudi-Arabien wurden 67 Philippiner bei einer Schwulenparty verhaftet – ihnen drohen Peitschenhiebe und Haftstrafen – und das nur wegen „Zurschaustellung von Homosexualität“ – auf homosexuelle Handlungen steht dort die Todesstrafe. Diese wurde auch für Uganda angekündigt nach heftigen internationalen Protesten rudert die dortige Regierung jedoch wieder zurück – jetzt sind „nur“ noch lebenslange Haftstrafen im Gespräch. In der indonesischen Provinz Aceh werden Schwule künftig mit Auspeitschung und Gefängnis bestraft – während Homosexualität im übrigen Indonesien legal bleibt. Ebenso in Burundi, wo der Senat in letzter Sekunde ein Homo-Verbot verhindert hat. In Litauen wurde ein Gesetz beschlossen, welches die Erwähnung des Themas „Homosexualität“ in Schulen verbieten soll – dieses wurde jedoch vom Präsidenten nicht unterzeichnet. In Indien wurde ein 150 Jahre altes Gesetz zum Verbot von Homosexualität aufgehoben.

Während dem „Eurovision Song Contest“ in Moskau wurde eine geplante Demonstration von Schwulen und Lesben gewaltsam aufgelöst, die Demonstranten verhaftet. Auch in der Dominikanischen Republik wurde ein CSD aufgelöst, in Belgrad nach Gewaltdrohungen abgesagt.

Bei einem Angriff auf ein schwul-lesbisches Jugendzentrum in Tel-Aviv wurden ein 16-jähriges Mädchen und ein 26-jähriger Gruppenleiter getötet, 15 weitere Besucher des Coming-Out-Treffs wurden verletzt. Die Tat erregte internationales Aufsehen, es kam weltweit zu Solidaritätsbekundungen mit den Opfern.

In der Türkei wurde das drohende Verbot der Gruppe Lambda-Istanbul verhindert. Das „Werben für Homosexualität“ ist der Gruppe jedoch nach wie vor untersagt. Außerdem begann der Ehrenmord-Prozess gegen den Vater des 26-jährigen Ahmet Yildiz, der im Juli 2008 in Istanbul auf offener Straße erschossen wurde.

In Mexiko-Stadt wurde die Ehe für Homosexuelle geöffnet, in Argentinien hat das erste schwule Paar geheiratet, in  Uruguay dürfen Schwule und Lesben von jetzt an Kinder adoptieren, in Kolumbien haben Homo-Paare nun zumindest die gleichen Rechte wie (nicht verheiratete) Hetero-Paare. Auch in Schweden, Iowa, Vermont und  New-Hampshire kann jetzt geheiratet werden, in New York wurde die Öffnung der Ehe allerdings verhindert. Portugal plant ebenfalls die Eheöffnung, in Washington, Irland und Österreich wurden eingetragene Partnerschaften eingeführt, und Liechtenstein plant dies für dieses Jahr.

Sport:

Kurz vor Weihnachten hat sich Gareth Thomas als schwul geoutet und ist damit der einzige noch aktive offen schwule Rugby-Profi. Erfreulicherweise war das Echo auf sein Outing bisher durchweg positiv. Natürlich ist er nicht der erste offen homosexuelle Profisportler. Aber insbesondere in den Sportarten Rugby, Fußball und Football werden Outings von noch aktiven Spielern noch mit Spannung erwartet. Trotzdem ist ein Outing eines Profi-Fußballers laut DFB-Präsident Theo Zwanziger nach wie vor nicht zu empfehlen. Aber der italienische Nationaltrainer Marcello Lippi ist sowieso der Meinung, dass es schwule Profifußballer gar nicht gibt.

Nun soll verstärkt gegen Homophobie in deutschen Stadien vorgegangen werden. So war der VfB-Präsident Erwin Staudt Schirmherr des Stuttgarter CSD, das DSF strahlte eine Dokumentation über Homosexualität im Fußball aus, der DFB stellte ein Länderspiel unter das Motto „Gegen Homophobie im Fußball“. Wenig hilfreich ist es dann allerdings, wenn selbst ein Co-Trainer einen Schiedsrichter als „schwule Sau“ beschimpft.

Kirche:

Auf dem Kirchentag in Bremen vertrat Alfred Buß, der Präses der evangelischen Kirche von Westfalen, die Meinung, Gottes Liebe gelte allen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Homosexualität sei weder eine Fehlentwicklung noch eine Krankheit. Dies löste eine größere Diskussion in der westfälischen Landeskirche aus.

Der ultrakonservative Gerhard Maria Wagner sollte in Linz zum Weihbischof ernannt werden, hat nach massiven Protesten aber darauf verzichtet.

Und wie üblich verkünden verschiedene katholische Bischöfe, dass Lesben und Schwule geheilt werden sollten, Homo-Ehe und -Adoption „abartig“ sind, und dass Homosexuelle nicht in den Himmel kommen – aber daran sind wir ja gewöhnt.

Und dann gibt es ja noch die Mormonen: In Utah hat sich im Juli ein schwules Paar auf einem öffentlichen Platz geküsst – dummerweise hatte die Stadt Utah diesen Platz vorher an die Mormonen verkauft. Der Sicherheitsdienst der Mormonen war sofort zur Stelle, führte die beiden Küssenden ab, rief die Polizei und erstattete Anzeige. Aus Protest dagegen wurden in etwa 50 amerikanischen Städten Kiss-Ins organisiert: es trafen sich zwischen 20 und 100 Schwule und Lesben, um sich auf öffentlichen Plätzen demonstrativ zu küssen.

Ein etwas ausführlicherer Jahresrückblick findet sich bei queer.de:

Tags zum Artikel: , , , , , , , , , , , , , , .

1 Antwort zu Queerer Jahresrückblick

1 Kommentar
  1. mark 11. Jan 2010 13:27

    Hallo an alle und vielen Dank für den spannenden Jahresquerschnitt!

    Eines möchte ich noch zu meinem Lieblingsthema „Fußball“ loswerden: Dass Theo Zwanziger ein Outing nicht empfiehlt ist neu. Bisher war der DFB-Präsident an forderster Front aktiv, wenn es darum ging, zu betonen, dass ein Outing eines Profis langsam an der Zeit wäre. Offenkundig haben ihn aber Gespräche mit schwulen Fußballspielern davon abgebracht, dies allzu voreilig zu fordern.

    Seitens der Queer Footballfanclubs (http://www.queerfootballfanclubs.com) findet sich ein kurzer Artikel zu dem Thema.

    Letztendlich ist die Haltung Zwanzigers m.E. zu begrüßen, nimmt er somit doch den Druck von den schwulen Fußballprofis. Für ein Outing ist einfach noch nicht die Zeit. Beobachtet man aber die Veränderungen, die auf diesem Gebiet derzeit in deutschen Fußballstadien vonstatten gehen, dann rückt der Zeitpunkt immer näher. Ein Indiz für eine sichtliche Entspannung ist auch allein die schlichte Tatsache, dass Zwanziger offenbar mit schwulen Profis in Kontakt steht, die das Gespräch mit ihm suchen.

    Nicht zuletzt wegen seiner positiven Einstellung zur Bekämpfung von Homophobie im Fußball, bekam Zwanziger übrigens dieses Jahr auf dem CSD in Köln die „Kompassnadel“ des „Schwulen Netzwerks NRW“ verliehen. Nicht nur eine schöne Sache, sondern auch ein Zeichen dafür, dass die Zeit des eisigen Schweigens zwischen Fußball- und Schwulenverbänden endgültig der Vergangenheit angehört. (Kurze Info dazu unter http://www.queer-devils.org/)

    Man darf wohl aber eine Öffnung hin zu mehr Toleranz in Stadien nicht einfach unüberlegt als Forderung in den Raum stellen, sondern muss intensiv und hartnäckig darum kämpfen. Das Soziotop „Fußballstadion“ unterscheidet sich in einigen Punkten ganz wesentlich von Bereichen, in denen ein Outing heutzutage zur Normalität gehört. Es ist nicht nur eine Floskel, wenn im Zusammenhang mit Fußball immer noch von „Männerdomäne“ und „Macho-Raum“ gesprochen wird. Dies gilt sowohl für die Fans als auch in besonderem Maße für die Spieler. Aus persönlichen Gesprächen mit den Fans meines Vereins (auch aus der sog. Ultra-Szene … und die hat bei uns eine lange und teilweise auch extreme Tradition) ist in mir allerdings die Zuversicht gewachsen, dass die unverbesserlichen Schwulenhasser in der starken Unterzahl sind, während beim Gros der Fans eher Nichtwissen gepaart mit einer Tendenz zum Rückfall in alte Jargons zu schwulenfeindlichen Sprüchen führen und häufig ein simples Ansprechen, dass man selbst solche Parolen nicht hören will, zu einem Umdenken … ja, sogar zu einer Änderung der Einstellung führt.

    Eines sei noch hinzugefügt: Wenn es um die Ächtung von Homophobie im Fußball geht, sind Deutschland und die Schweiz weltweit mit führend. Unsere Freunde und Kollegen aus anderen (auch europäischen) Fußballfanclubs wären froh, wenn dort ähnliche Fortschritte gemacht würden.

Kommentar verfassen

Du kannst folgende XHTML-Tags und -Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>