Ist Homosexualität heilbar?

Viele Leute landen versehentlich auf unserem Blog, nachdem Sie in Suchmaschinen nach Begriffen wie „xxx“ oder „Gayromeo“ gesucht haben. Auf Platz vier der häufigsten Suchbegriffe findet sich traurigerweise „homosexualität heilbar“. Den derartig Hilfesuchenden möchte ich an dieser Stelle ein paar Gedanken mit auf den Weg geben…

Bevor man sich fragt, ob Homosexualität heilbar ist, sollte man sich zunächst die Frage stellen: Warum sollte man überhaupt versuchen, Homosexuelle zu „heilen“?

„Homosexuelle sind krank.“

Nein. Früher wurde Homosexualität zwar als Krankheit betrachtet, aber bereits 1968 war Homosexualität als Krankheitsbild umstritten. Seit 1992 ist Homosexualität von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) endgültig von der Liste der Krankheitsbilder (International Classification of Diseases – ICD) gestrichen. Als Krankheitsbild vorhanden sind nur noch „Psychische und Verhaltensstörungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung (ICD-10 F66)“ , insbesondere die sogenannte Ichdystone Sexualorientierung:

Die Geschlechtsidentität oder sexuelle Ausrichtung (heterosexuell,
homosexuell, bisexuell oder präpubertär) ist eindeutig, aber die
betroffene Person hat den Wunsch, dass diese wegen begleitender
psychischer oder Verhaltensstörungen anders wäre und unterzieht
sich möglicherweise einer Behandlung, um diese zu ändern.

„Homosexualität ist unnatürlich.“

Nein. Bei über 450 Tierarten wurde homosexuelles Verhalten nachgewiesen – von gelegentlichen Seitensprüngen bis zu fast lebenslangen Binddungen. Aber widerspricht das nicht der Evolutionstheorie? Homosexuelle können sich doch nicht fortpflanzen, müssten also aussterben… Der Soziobiologe E. Wilson meint dazu: „Beteiligen sich Homosexuelle etwa an der Aufzucht der Kinder von Verwandten, dann fördern sie indirekt auch die Verbreitung des eigenen Erbguts.“

“Homosexualität ist Sünde.”

Auch wenn die katholische Kirche uns das weismachen will – ob man Homosexualität als Sünde betrachtet, ist eine Frage der Interpretation von nur wenigen Bibelstellen. Dazu muss man wissen, dass zu der Zeit, in der die Bibel geschrieben wurde, unser heutiges Konzept von Homosexualität nicht existierte: eine liebevolle(!) Beziehung(!) zweier erwachsener(!) Menschen. Nimmt man die Bibelstellen genauer unter die Lupe, so stellt man fest, dass dort die Rede von Vergewaltigung, Pädophilie und heidnischen Ritualen ist – aber nicht von einer homosexuellen Beziehung im heutigen Sinne.

„Homosexualität ist nicht normal.“

Ja, Homosexuelle sind in der Tat eine Minderheit. Genauso geht es Linkshändern und Rothaarigen. All diese Personengruppen sind eben anders als die Mehrheit. Früher wurden Linkshänder „geheilt“ indem sie auf die Benutzung der rechten Hand umerzogen wurden. Inzwischen weiß man, dass diese Behandlung bei den Betroffenen zu psychischen Problemen, schlechteren Schulleistungen, Gedächtnis- oder Sprachstörungen geführt hat. Und warum wurde diese „Umerziehung“ überhaupt versucht? Nur weil Linkshändigkeit nicht die gesellschaftliche Norm war. Genauso geht es uns heute mit der sexuellen Orientierung…

„Aber ich will meine / mein Kind soll seine Homosexualität trotzdem loswerden!“

Warum? Liegt das vielleicht daran, dass Homosexualität im konkreten sozialen Umfeld (Familie, Freunde, Kirchengemeinde, Dorfgemeinschaft) nicht akzeptiert wird? Man sollte sich klarmachen, dass in diesem Fall das Problem nicht beim Homosexuellen zu suchen ist, sondern beim homophoben Umfeld. Die naheliegenden Lösung dieses Problems wäre entweder die Konfrontation mit dem Umfeld und die Bekämpfung der Homophobie, oder der Wechsel des Umfelds, zum Beispiel durch einen Wohnsitzwechsel. Auch wenn ein Outing den Verlust von Freundschaften zur Folge hat: Freunde, die einen Menschen nicht mit allen seinen Eigenarten (insbesondere der sexuellen Orientierung) akzeptieren, sind keine Freunde. Wenn Eltern mit der Homosexualität des Kindes ein Problem haben, hilft vielleicht die Elternbroschüre „Da fiel ich aus allen Wolken“ des hessischen Sozialministeriums.

„Ich aber unbedingt heterosexuell werden! Wer kann mir helfen?“

Wer jetzt immer noch den Wunsch hat, seine/ihre sexuelle Ausrichtung zu verändern, dem kann man nur raten sich an einen der vom LSVD gelisteten Therapeuten zu wenden, die alle angeben, sich den Problemen von Lesben und Schwulen vorurteilsfrei zu widmen. Wer allerdings hofft, dass diese tatsächlich die sexuelle Ausrichtung verändern können, der wird enttäuscht werden: Führende Psychologen sind der Ansicht, dass sogenannte reparative Therapien nicht nur nicht zum Erfolg führen, sondern potentiell schädigende Wirkung für die Therapierten haben. In einer Studie zum Verhalten von Psychologen gaben nur 4% der Therapeuten an, sie würden auf Nachfrage versuchen, die sexuelle Ausrichtung eines Patienten zu ändern. Ziel einer sogenannten affirmativen Therapie ist vielmehr, dass der Betroffene seine sexuelle Ausrichtung erforscht, akzeptiert, und in sein Leben integriert.

„Aber ich habe gehört, neuste wissenschaftliche Erkenntnisse behaupten, dass eine Heilung möglich ist.“

Vertreter der sogenannten Ex-Gay-Bewegung behaupten, sie könnten helfen, eine vorhandene homosexuelle in eine heterosexuelle Orientierung zu ändern. Wer psychisch halbwegs gesund bleiben will, sollte sich von derartigen „Behandlungen“ unbedingt fernhalten! Unter beyondexgay.com wird sehr gut zusammengestellt, welchen Schaden solche „Therapien“ anrichten: Viele Patienten haben nach jahrelanger Behandlung zwar nicht ihre Homosexualität, dafür aber ihre geistige Gesundheit, ihre Freunde, ihren Partner, ihren Glauben, ihren Job und jede Menge Geld verloren. Grund genug, um aktiv gegen Psychologen vorzugehen, die mit solch „wertlosen Therapien Menschenleben zerstören“.

Diese Gruppen berufen sich oft auf wissenschaftliche Studien, deren Aussagen dann jedoch fehlinterpretiert werden, wie zum Beispiel:

Die neue „Spitzer-Studie“ [...], an der 200 hochmotivierte Personen mit dem Wunsch nach Veränderung teilnahmen, zeigt: Vor der therapeutischen Begleitung sehnten sich 78% (Männer) bzw. 81% (Frauen) erotisch-sexuell nach einem Menschen gleichen Geschlechts, nach der Therapie waren dies nur noch 8% [...] bzw. 4%“.

Die zitierte Studie befasst sich jedoch in Wirklichkeit nicht mit allen Personen, die eine solche Therapie versucht haben, sondern nur solche „die beanspruchen, ihre sexuelle Orientierung von homosexuell nach heterosexuell geändert zu haben“ – also denen, bei denen die Therapie nach eigenen Angaben erfolgreich war. Es konnten in den ganzen USA gerade einmal 200 „Geheilte“ gefunden werden – diejenigen, bei denen eine Therapie nicht erfolgreich war, wurden in der Studie überhaupt nicht erwähnt.

Es werden auch gerne international anerkannte Organisationen zitiert
und dabei die Aussagen verdreht. So wird beispielsweise eine Aussage des Alfred Adler Instituts

wenn ein Klient den Wunsch äußert, seine sexuelle Orientierung zu ändern, dann dient uns diese Äußerung als Leitlinie für den weiteren [...] therapeutischen Prozeß.

dahingehend interpretiert, dass der „weitere therapeutische Prozeß“ eine Änderung der sexuellen Orientierung zum Ziel habe – dem widerspricht das zitierte Institut entschieden:

„Leider hat [...] nur zwei Sätze zitiert, nicht unseren ganzen Brief [...] Dann würde deutlich herauskommen, dass wir gerade keine grundsätzliche Therapiebedürftigkeit annehmen“

„Ich glaube das alles nicht.“

Vielleicht erscheint ja dieser sehr gute und ausführliche Artikel im Magazin der Süddeutschen Zeitung glaubwürdiger…

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1 Antwort zu „Ist Homosexualität heilbar?“


  1. [...] Mehr Informationen zum wissenschaftlichen Hintergrund der Homosexualität gibt’s im Artikel "Ist Homosexualität heilbar?" hier auf unserem [...]

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