Schwul in der Öffentlichkeit?

Hier eine neue Episode zum Thema: „Schwul in der Öffentlichkeit“.

Wie tolerant ist „man“, wenn man unerwartet eine schwule Handlung sieht in der Öffentlichkeit? Und ich meine harmlose Dinge, wie etwa einen Kuss. Und wie sieht es aus, wenn es quasi halböffentlich ist?

Konkret geschah folgendes: Im Kino in der Sneak-Preview kam „Dorian Gray“, eine Verfilmung von – wer hätte es anders erwartet – „Das Bildnis des Dorian Gray“, eines Romans von Oscar Wilde. Die Geschichte ist hoffentlich bekannt, die Verfilmung mehr oder weniger stark daran angelehnt.
Einen Kinobesuch werte ich dabei als halb-öffentlich, da ja jede/r hin kann, aber nur geplant, nicht einfach so zufällig.

Auf den ersten Blick: Jung, hübsch, charmant, männlich, schwere Kindheit – der Protagonist kann ja fast nur schwul sein. So sah es jedenfalls ein Zwischenrufer, der einige Szenen lautstark und für alle vernehmbar mit „schwul“ kommentierte. Ein hörbares kollektives Atemgeräusch bei der einzigen schwul angehauchten Szene: Dorian zeigt sich bei dem Maler seines Gemäldes erkenntlich mit einer „Genusserfahrung“, einem Kuss. Im Film wird noch mehr angedeutet, aber das war es auch schon: eine Andeutung. Der Phantasie sind da kaum Grenzen gesetzt, doch jede/r muss sich bewusst werden: das ist die eigene Phantasie.

Hier sind aus meiner Sicht zweierlei Dinge zu klären:

Was erwartet man, wenn man eine Sneak-Vorstellung besucht? Der Reiz liegt zum einem im Glücksspielcharakter, welcher Film wird es wohl werden? Zum zweiten kann die Sneak auch als Erweiterung des Horizonts angesehen werden, es kommen oft Filme, die es sonst schwer in die deutschen Kinos geschafft hätten, allemal in die Mainstream-Kinos. Wem der Film zu blöd ist, der kann ja gehen – ist schon vorgekommen, dieses Mal jedoch nicht.

Wie geht man mit unerwarteten Ereignissen um? Abwertend, beleidigend, Augen verschließend, nicht wahr haben wollend? Das ist bei dem Zwischenruf passiert. Kann es am Alter liegen? Die Sneak ist FSK 18, dies ist wohl der Bequemlichkeit, aber natürlich auch dem Überraschungseffekt von Seiten des Kinobetreibers geschuldet. Das Alter sollte also ausscheiden. Ich möchte hier auch keinen Leitfaden für das Unerwartete geben – weder ginge es, noch würde es hier helfen. Statt dessen möchte ich die Frage an den Lesenden bzw. die Lesende geben, wie würdest Du reagieren?

Und die Moral von der Geschichte? Schwul in der Öffentlichkeit ist leider immer noch nicht so selbstverständlich, wie es wünschenswert wäre. Das zeigt sich nun nicht nur bei diesem einen Kinobesuch, sondern natürlich auch bei aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen, z.B. einer Gemeinderatssitzung, oder der Notwendigkeit einer Demonstration für Gleichstellung. Gleichzeitig würde vermehrte erkennbare Präsenz von Schwulen und Lesben in der Öffentlichkeit helfen, und zwar hier bei uns z.B. in der Fußgängerzone, beim Einkauf, eigentlich bei jeder Gelegenheit.

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1 Antwort zu Schwul in der Öffentlichkeit?

1 Kommentar
  1. Fenchurch 06. Apr 2010 22:46

    Lustig wäre es ja, als Reaktion einige andere Szenen lautstark mit „hetero“ zu kommentieren :D.

    Ich weiß allerdings nicht, ob ich mich in der Situation getraut hätte, das zu machen…

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