Erfahrungsbericht: Mein Tag in Lörrach

Samstag, 8:30, Karlsruhe, Europahalle: Eine kleine Gruppe Queerbeetler macht sich auf den Weg nach Lörrach. Wem Lörrach nichts sagt, dies ist eine kleine 50000 Einwohner große Stadt im letzten südwestlichen Zipfel Deutschlands. Dorthin führte uns unser Ausflug mit der „Schwung Karlsruhe“ zum diesjährigen CSD. Mit dabei im Queerbeet Auto waren Martin, ein Urgestein der Queerbeet, Manuel, ein gern gesehener Besucher aus Landau, Christian, ohne den dieser ganze Bericht und der CSD Tag nicht möglich gewesen wäre, denn er war unser Fahrer, und natürlich ich, Sebastian genannt, der die wichtige Aufgabe des Beifahrerplatzbelegens übernahm. Nachdem alle „pünktlich“ bis spätestens 8:30 …. 8:45 am Parkplatz angekommen waren wurden die Aufgaben verteilt. Das Queerbeetauto fuhr voran, nahm 3 der  wichtigen Demoschilder (gemacht für die Demo am 24.4)  mit und wies den Weg.

Da die Fahrt unglaublich lang war wurde nach 1h beschlossen einen kleinen Stopp an einer Raststätte zu machen. Von Yogaübungen, Lachsbrötchen, einer Stärkung in Form eines Rocher (danke an Martin), viel zu kleinen Frauenparkplätzen und Männern die auf Frauenparkplätzen parkten war alles dabei. Es war wohl das erste Highlight dieses Tages, auch wenn es nur 10 Minuten währte.

Als wir in Lörrach ankamen merkte man schnell, Lörrach hat sich beim Thema Parkplätze alle Kniffs und Tricks der andren Städte abgeguckt: es gab keine Parkanlagen ohne Parkgebühren. Jetzt konnte unsere erste Erkundungstour beginnen, denn bis zum Umzug war noch einiges an Zeit. Also gingen wir in Richtung Marktplatz. Dort fand ein CSD-Markt statt, welchen wir nahezu gekonnt ignorierten und  nur kurz bei der aufgebauten Bühne hängenblieben, um uns dann dem wichtigsten Thema zu widmen: Essen. So gingen wir gleich in ein Cafe ganz in der Nähe der Bühne. Diese hatten sich natürlich für den CSD etwas ganz geniales ausgedacht. Weiße Amerikaner mit einer kleinen Regenbogenflagge drauf. Der angehende Ökonom weiß natürlich, dass bei so einem Event Regenbogenflaggen sehr selten sind und obwohl es nur eine essbare Miniaturausgabe war, so fanden wir alle den Aufschlag von 2 Euro für dieses Kunstwerk natürlich berechtigt. Bis auf dieses  vermeintliche Schnäppchen konnte man aber bei den Kuchen und andren Leckereien nicht meckern. Während wir unsere Mägen endlich füllten, erklang von der Bühne her auch Musik, welche umgehend mit Begriffen wie James Blunt-Verschnitt und deutscher Schlager sachkundig kommentiert wurden. Und es könnte sogar sein – dies erfuhren wir allerdings erst später -, dass um diese Zeit das CSD Lied gesungen wurde.

Als nächstes mussten wir zurück zu unseren Autos um die Demoschilder (gemacht für die Demo am 24.4  erst beim 3. mal würde ich es als Schleichwerbung bezeichnen ) abzuholen, damit wir vorbereitet zum Aufstellungsort des Umzugs gehen konnten. Denn wir wollten ja „pünktlich“ wie geplant um 13:00 um 13:15 dort ankommen, langsam könnte man meinen das Zeitangaben dafür da sind um immer 15 Minuten draufzuschlagen.

Christian, Ich, Martin, Manuel

Am Aufstellungsort angekommen wurden wir erst einmal eingereiht zwischen einer lesbischen Gruppe und hinter RosaRauschen und es wurden einige der Fotos geschossen, die man hier auch bewundern kann. Die Aufgaben wurden schnell verteilt, Martin und Christian übernahmen das halten von 2 der Demoschilder  (Schleichwerbung), Manuel verteilte Flyer und ich übernahm wohl den wichtigsten Job: Schildhalter-Ersatzmann mit der Flyer-Notreserve in meiner Hosentasche, also eine potentiell tragende Rolle in unserer Laufgruppe. Nach vielen Fotos, skurrilen Personen mit Spikegesichtsmasken, Drag-Queens und Lilo Wanders begann die Musik der vorderen Wagen zu ertönen, die Motoren der Autos zu heulen und nun konnte es endlich losgehn.

Langsam setzten sich alle in Bewegung, einige wie die Flyer-Austeiler etwas mehr und andere wie ich, der immer bereit sein musste das Schild von Martin zu übernehmen falls es zu anstrengend wurde, etwas weniger. Man merkte schnell, die Bannerträger der Schwung waren Profis, denn während einige von uns schnell durchlaufen wollten, liefen sie größtenteils sehr gemütlich. Das dies nicht alle mitmachten äußerte sich deutlich  durch kleinere Staus auf der Strecke, denn neben den Abbiegungen bei denen die Wagen ihre Schwierigkeiten hatten gab es auch viele Fotografen und Kameras, die den Umzug filmten wofür die einzelnen Gruppen kurz innehielten. Wirklich jeder der auf der Strecke als Zuschauer stand sah sich den Umzug in der Zeit, zu der er an ihm vorbeizog, an. Sogar Flyer wurden in größerer Anzahl gerne angenommen, vielleicht aber hofften auch einige auf einseitig bedruckte Flyer welche sie als Notizzettel nutzen konnten. Zudem wurde zum Flyerausteilen auch verschiedenste Tricks genutzt, angefangen vom Hinlegen auf den Rollstuhl bis hin zum freundlichen Hofdamenknicks für die alte Dame war alles dabei.

Als man sich schließlich der Innenstadt näherte, wurde die Anzahl der Menschen grösser. Ich merkte schon es war gut gewesen eine Flyer-Notreserve dabeizuhaben, denn wir könnten sie wohl bald gebrauchen. Auf halber  Strecke sah man am Boden ein rohes Ei und wie wir später erfuhren war dies von 17-18 jährigen möchtegern Gegendemonstranten geworfen worden , welche aber schnell festgenommen wurden und einer von ihnen stellte sich sogar selbst.

Bis auf diesen Zwischenfall blieb es friedlich und ruhig, der Umzug ging auch nur 45 Minuten während wir über eine viel längere Zeit gemutmaßt hatten. Wir wären noch gerne viel länger gelaufen, denn es hat jedem Spaß gemacht. An der Position zu der  sich der Umzug auflösen sollte blieben wir noch einige Zeit stehen, wir konnten es wohl nicht fassen, dass es schon vorbei war. Egal ob  kostümiert, auf einem riesigen Wagen, am Dauertanzen oder einfach nur am einfachen Durchmarschieren, man hatte während des Umzugs immer nur in freundliche und neugierige Gesichter geblickt.

Nach dem Umzug gingen wir zuerst zurück um die Demoschilder (24.4 ihr wisst schon ) zurückzubringen und uns dann dem wichtigsten Thema zu widmen: Essen. Dazwischen jedoch machten wir noch einen Abstecher zur Bühne und sahen dem Bühnenprogramm zu, oder je nachdem den Zuschauern des Bühnenprogramms hinterher. Als der große Big Brother Star angekündigt wurde und auch das CSD Lied erklang überkam uns aber auf einmal der Hunger und wir liefen weiter in Richtung eines Italienischen Restaurants. Auf dem Weg dorthin trafen wir auf einen Clown, der sich Manuel herauspickte und eine wirklich 1 zu 1 getreue Nachbildung von ihm aus Luftballons herstellte. Von den lila Augen bis zu den Boxerhänden war diese sehr realitätsnah. Danach gab er uns noch einen Trick Ballon, den ich aufblasen sollte, doch selbst mit meinem immensen Lungenvolumen war es mir nicht möglich dem kleinen Ballon auch nur einen Hauch von Atem einzuverleiben, was Christian kritisch beäugte um dann selbst, wie alle andren auch die es probierten, daran zu scheitern. Der Clown selbst blies den  Ballon dann natürlich ohne Probleme auf und wir bzw. unsre Egos sind sich sicher dass er den Ballon ausgetauscht hat während er ihn zurückbekam. Beim Italiener in einer schattigen Adlergasse angekommen ließen wir den Abend ausklingen um uns danach Richtung Heimat zu machen.

Ich kann jedem, der sich so etwas einfach mal ansehen will, einen vergleichbaren etwas kleineren CSD wie den in Lörrach empfehlen, denn dort war weniger Show und mehr CSD zu sehen als man es wohl bei größeren Städten vorfindet. Und auch der Spaß kam nicht zu kurz, sogar in einer kleineren Stadt wie Lörrach scheint die Toleranz mittlerweile angekommen zu sein. Man sollte aber dennoch nicht vergessen dass der CSD neben einer spaßigen Veranstaltung vor allem eine Demonstration für Gleichstellung und Toleranz ist und  „Liebe ohne (Vor)Urteil“ war das Motto an diesem CSD. Morgen wird auch in Karlsruhe demonstriert werden und auch dort habt ihr die Chance einfach hinzugehen, Krach zu machen, Flagge zu zeigen oder einfach mitzulaufen, denn ich bin mir sicher auch das wird ein Ereignis werden, das man sich ansehen sollte!

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1 Antwort zu Erfahrungsbericht: Mein Tag in Lörrach

1 Kommentar
  1. Tobias 23. Apr 2010 18:38

    Hey,

    super geschrieben Sebastian. Richtig was zum lachen =)

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