Des Lästerers Fegefeuer

Er fühlt sich verkauft und verraten! Das Sinnbild des katholischen Konservatismus, der einstige Gralshüter der kirchlichen Moralvorstellungen sieht sich wie durch ein „Fegefeuer“ gegangen. Der Spiegel berichtet jüngst über die neuen Leiden des Walter Mixa. Man habe ihm seine Resignation vorgesetzt, ihn zum Rücktritt gezwungen. Alles sei ein abgekartetes Spiel gewesen, so erscheint es, wenn man diesen Artikel liest.

Sei’s drum, wenn es um Vorwürfe sexuellen Missbrauchs geht. (Diese sind nicht bewiesen.) Wichtig ist dem zurückgetretenen Bischof vor allem klarzustellen, dass die Prügelstrafe seinerzeit akzeptiert und sogar legal war.

Nun, verstanden hat er nichts: Es geht nicht darum, was legal, es geht nicht darum, was akzeptiert war. Er, Bischof Mixa selbst, hat sich allzu häufig als moralische Instanz über Menschen erhoben, hat gerade auch Homosexuellen das Leben schwer gemacht. Er hat dabei auch gerne ignoriert, was mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert … und hoffentlich auch bald in Gänze rechtlich festgeschrieben … ist: dass Schwule und Lesben die gleichen Rechte haben müssen wie Heterosexuelle, ja dass Schwule und Lesben (bis auf ein kleines Detail) genauso sind wie Heterosexuelle.

Was „modern“ ist, also nicht dem traditionellen Familienbegriff entspricht, ist für ihn wohl einfach nur „eine gesellschaftliche Fehlentwicklung“ vor der man (insbesondere die CSU) nicht kapitulieren darf. (Spiegel berichtete in anderem Zusammenhang darüber.) Und wenn sich schon mal die Gelegenheit bietet, wird gleich die gesamte sexuelle Revolution zum ursächlichen Grund für Übergriffe in der katholischen Kirche hochstilisiert.

Kurz: Er ist einer unserer liebsten Hassobjekte, dieser Mann, der unter dem Deckmantel der „Christlichkeit“ die Unmenschlichkeit starrer Gesellschaftsregeln zu Grundfesten für die Ewigkeit erklären wollte. Ja nichts ändern an tradierten Idealbildern, egal wieviele Menschen man damit aus der Gemeinschaft ausschließt. Sollen sie sich doch anpassen an das, was „gute Christen“ tun!

Nun: wenn man dieser Logik folgt, dann ist es also recht, Kinder zu prügeln. Dann erst zu behaupten, man habe es nicht getan, dann doch langsam zugegeben, dass da was war, dann sich aber nicht mehr an die Details zu erinnern (… wie war das noch: „Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider Deinem Nächsten …“?) Es ist also solange recht, wie es nicht eine Gesellschaft gibt, die (obwohl durchzogen von Atheisten, Schwulen und alleinerziehenden Müttern) besser erkannt hat, was faierer, was menschlicher Umgang miteinander bedeutet, als der Augsburger Bischof selbst. Denn für ihn war es ja recht … weil damals akzeptiert (und legal!), doch heute?

Wenn Gottes Reich die Ewigkeit ist, dann muss das, was damals unrecht war, es auch heute noch sein. Dann muss das, was damals recht war, es auch heute noch sein. Und wenn der Bischof erkannt hat, dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt hat … hin zu der Erkenntnis, dass Kinder prügeln offenbar doch nicht „recht“ ist … und dies implizit auch so sieht, dann gibt es nur eine logische Antwort auf die Frage, warum er es damals getan hat: Er hatte eben nicht recht! Und das wirft die Frage auf, inwiefern die katholische Kirche als einzig rechtmäßige Interpretatorin der göttlichen Lehre ihren gerechtfertigten Platz hat.

Das Christentum brach einst auf, um überalterte Traditionen zu brechen und einen Weg zu ebenen, der hin zu mehr Menschlichkeit führte. Doch irgendwo auf dem Weg entwickelte sich eine Organisation „Kirche“, die ihrerseits wiederum Traditionen bewahrte und den Weg zu mehr Menschlichkeit durch starre Regeln verstellte. In der Tradition derjenigen, die immer noch an mehr Menschlichkeit glauben … und sich auch dafür einsetzen … wurden die kirchlichen Würdenträger schon lange von sozial und liberal denkenden Menschen ersetzt, die auf starre Regeln verzichten können, weil sie den Menschen sehen: seine Gefühle, sein Sein und seine Vielfalt!

Gott, wenn es ihn denn gibt, kann sich die Ewigkeit Zeit nehmen. Und wenn es ihn gibt, dann glaube ich zumindest daran, dass er ein Gott ist, dem die Menschlichkeit als das wichstigste Element seiner Schöpfung gilt. Und diesen Gott braucht es nicht zu interessieren, was die Kirche davon hält. Er wird mit Milde auf diejenigen schauen, die ihre Nächsten solange so sein lassen, wie die nunmal sind, solange sie sich nicht gegen andere Menschen unmenschlich zeigen.

Somit ist es passend, dass Mixa von einem „Fegefeuer“ spricht, durch das er gehen musste. In seiner Welt hat Gott nämlich das „Fegefeuer“ für diejenigen erfunden, die sich versündigt haben an ihren Mitmenschen. Und so gesehen ist der Metapher des „Fegefeuers“ eine Art Eingeständnis, dass er, Bischof Mixa höchstselbst, ein Sünder ist.

Und soll man wirklich auf das hören, was Sünder zum Thema „Moral“ von sich geben?

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